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Meinung Die Last der Hillary Clinton
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20:17 08.06.2016
Von Stefan Koch
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Endlich sind die Vorwahlen in Amerika vorbei. Nach all den aufgeregten und zum Teil absurden Debatten steht das Land vor einer Richtungsentscheidung, die von der gesamten Welt mit Spannung erwartet wird: Stimmen die Wähler für einen rückwärtsgewandten Kurs, oder folgen sie einer Kandidatin, die mit einer außergewöhnlichen Erfahrung ins Amt starten könnte? Das Historische in diesem Moment liegt weniger darin, dass erstmals eine Frau für den wohl machtvollsten Job in der Welt kandidiert.

Hillary Clinton hat bereits eine so erfolgreiche politische Karriere absolviert, dass ihr der Chefposten im Weißen Haus wie selbstverständlich zugetraut wird. Die Herausforderung an die Frau des Ex-Präsidenten besteht vielmehr in der Tatsache, dass sie nun die einzige Politikerin ist, die die Supermacht von einer fatalen Fehlentscheidung abbringen kann.

Längst hat Clinton ihre anfänglichen Wahlkampfstrategien über Bord geworfen, mit denen sie sich auf die Gleichberechtigung der sexuellen Minderheiten und auf den Umweltschutz konzentrieren wollte. Diese Themen sind zwar nicht verschwunden, aber sie treten deutlich in die zweite Reihe zurück. Clinton hat verstanden, dass die Wahlkampagne 2016 an der Frage der sozialen Gerechtigkeit entschieden wird. Wähler, die sich einst als links oder rechts beschreiben ließen, treibt heute gleichermaßen die Sorge um, wie sich mehr vernünftige, also auch sozialversicherungspflichtige Jobs schaffen lassen. Ausgerechnet Amerika, der Motor der Globalisierung, zweifelt zunehmend an seiner grundsätzlichen Ausrichtung.

Die 68-Jährige hat erstaunlich lange gebraucht, um diese Botschaft zu verstehen. Sie verstärkt damit fatalerweise den Eindruck, dass sie zwar in der Welt der Mächtigen bestens vernetzt ist, aber erschreckend schlechten Kontakt zu ihrer eigenen Basis hat. Bernie Sanders, ihr stärkster parteiinterner Widersacher, leistet ihr daher letztendlich einen guten Dienst, indem er sie mit Nachdruck zur Auseinandersetzung mit den Folgen der Globalisierung zwingt.

Und die sind für viele US-Bürger dramatisch. Die Zahl der Jobs für qualifizierte Facharbeiter ist drastisch gesunken, viele Berufsanfänger leiden unter horrenden Studienschulden und niedrigen Einstiegsgehältern, und unzählige Amerikaner fühlen sich von der Politik vergessen, da ihnen die Finanzkrise ihre Altersversorgung geraubt hat und sie nun nicht wissen, wie sie als Rentner über die Runden kommen sollen.

Es spricht für die Vereinigten Staaten, dass viele Menschen trotz dieser enormen Herausforderungen weder an ihrem Land noch an ihrer Verfassung zweifeln. Der Glaube an die Fähigkeit zum Neuanfang ist ungebrochen. Wenn es Clinton bis November gelingt, nicht nur die Köpfe ihrer Landsleute zu gewinnen, sondern auch die Herzen, ist ihr der Wahlsieg sicher.

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