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Die Neuerfindung des Rades

Kommentar Die Neuerfindung des Rades

Es ist an der Zeit für ein Umdenken, Umbauen und Umsteigen: aufs Fahrrad. Aber dazu braucht es keine „Verkehrswende“ oder gar „Revolution auf zwei Rädern“. Nicht Ideologie, sondern Pragmatismus steigert die Lebensqualität in Städten. Ein Kommentar von Marin Kormbaki.

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Quelle: dpa

Hannover.  Schon die Wortwahl deutet auf einen Mangel an Fantasie, wie er unter Deutschlands Stadtplanern und Verkehrspolitikern verbreitet ist. „Fahrradautobahnen“ wolle der Bund mit zusätzlichen 25 Millionen Euro fördern, kündigt Verkehrsstaatssekretär Norbert Barthle (CDU) an – dabei zeichnet sich ein solches Streckennetz für Radfahrer gerade durch die Abwesenheit von Autos aus. Straßen ohne Autos? Im Automobilstandort Deutschland fällt solch eine Vorstellung vielen schwer. Das aus den Sechziger- und Siebzigerjahren herrührende Leitbild von der autogerechten Stadt, deren Gestalt bestimmt wird von Autoschneisen und -stellflächen, ist fest verankert in den Köpfen. Heute, einige Jahrzehnte später, schlagen die Folgen dieses Leitbildes voll durch. Staus, Feinstaubbelastung, langwierige Parkplatzsuche, Lärm, Schmutz – all dies zeigt an, dass es an der Zeit ist für ein Umdenken, Umbauen und Umsteigen: aufs Fahrrad.

Es braucht keine „Verkehrswende“

Die Politik muss hier nichts verordnen, der Trend zum Rad ist längst im Gange. Der Anteil aller Wege, die in Deutschland mit dem Rad zurückgelegt werden, hat sich zuletzt verdoppelt, auf jetzt immerhin 13 Prozent. Der Markt für Mieträder ist in Großstädten inzwischen heiß umkämpft, und bei vielen Jüngeren hat ein minimalistisches Fixie oder ein gemütliches Lastenrad das Auto als Statussymbol abgelöst. Heute beraten Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik in Mannheim, beim „Nationalen Radverkehrskongress“, darüber, wie Digitalisierung und Elektrifizierung das Radfahren attraktiver machen können – als Freizeitbeschäftigung, aber mehr noch als gängige Art der Fortbewegung.

Um den Trend zu fördern, brauchen Politik und Verwaltung keine nationalen Verkehrspläne oder Aktionstage auszurufen. Sie müssen bloß mal praktische Hilfestellung leisten – etwa mit breiten Radfahrstreifen in zwei Richtungen, einer grünen Welle für Radler, Haltegriffen an Ampeln. Es braucht dazu keine „Verkehrswende“ oder gar „Revolution auf zwei Rädern“. Solch hochtrabende Rhetorik verstärkt bloß den wirklichkeitsfremden Eindruck, auf deutschen Straßen tobte ein Krieg zwischen „Kampfradlern“ und Autofanatikern. Dem ist nicht so. Unter zunehmend verstopften Straßen leiden ja nicht zuletzt die Autofahrer selbst, sodass in Städten immer mehr von ihnen aufs Rad umsteigen, um etwa schneller zur Arbeit zu kommen.

Nicht Ideologie, sondern Pragmatismus steigert die Lebensqualität in Städten. Die Fahrradhauptstädte Amsterdam und Kopenhagen, wo ein Großteil mit dem Rad zur Arbeit fährt, sind prima Beispiele für eine unverkrampfte Stadt- und Verkehrsplanung. Und sie sind – wie jeder weiß, der schon mal dort war – der Beleg dafür, dass Städte mit hohem Radverkehrsanteil besonders attraktiv sind. Radfahren entschleunigt. In hochtourigen Zeiten ist das viel wert.

Von Marina Kormbaki

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