Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Die Wiederkehr der alten Übel

Analyse Die Wiederkehr der alten Übel

Wir verdrängen, was uns Angst macht. So wie die Anschläge in Frankreich und Tunesien. Das ist der Grund dafür, warum sich an vielen Problemen in der Welt wenig ändert. Dabei können wir die Zerstörung der Welt nur aus eigener Kraft verhindern. Eine Analyse von Reinhard Urschel.

Einer der erfolgreichsten Protestsongs aller Zeiten stammt aus dem Jahr 1965, ist also ein halbes Jahrhundert alt. Er beschreibt die Welt am „Vorabend der Zerstörung – Eve of Destruction“. Der raustimmige Barry McGuire besingt das Morden im Nahen Osten, kritisiert den Rassismus in den USA und vor allem beklagt er sich, dass sich an all den Kriegen, an dem Hass auf den Nachbarn, nichts ändere: „Du könntest eine Weile im Weltraum leben, und wenn du zurückkehrst, ist die Erde derselbe alte Platz.“ Kein schöner Platz. Es ist eine Anklage gegen die Sinnlosigkeit des Tötens, wahllos, anstatt dem Menschen und dem Leben Respekt zu zollen.

Der Song läuft noch manchmal im Radio, und wer die Gelegenheit hat, genau hinzuhören, dürfte sich wundern – oder auch nicht. Wir haben doch seit 1965 kein halbes Jahrhundert im Weltraum verbracht – wieso sind es immer noch die gleichen üblen Umstände, die unseren Alltag begleiten? Die gleichen Brandherde, die gleichen Gegenden der Erde?

In den kommenden Wochen wird es einige Gedenktage geben. Der Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ ist ein halbes Jahr her, andere Attentate länger. Vor genau einer Woche haben wir wieder einmal einen „Schwarzen Freitag“ erleben müssen, Dutzende Tote in Tunesien, Kuwait und Frankreich. „Hate your next door neighbor“ singt McGuire, und der Hass auf den Menschen von nebenan ist mancherorts schnell da, wenn zum Beispiel ein Flüchtling zum Nachbarn wird. Ist das immer noch der Vorabend der Zerstörung der Welt, oder hat die finale Katastrophe nicht schon längst ihren Anfang genommen?

Niemand wagt es, eine Antwort auf diese Frage zu versuchen. Lieber verdrängen wir, was uns Angst macht. „Ich bin Charlie“, ach wo, das sind wir doch schon lange nicht mehr. Tunesien? Klar, es gibt Stornierungen von Urlaubsreisen. Aber bei Nachlässen von 40 Prozent kann man die Nähe des Todesstrandes auch schnell wieder vergessen. Verdrängen, sagen die Psychoanalytiker seit ihrem Begründer Sigmund Freud, reinige die Seele, die Fähigkeit dazu sei gleichsam notwendig zum Überleben. Das entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung. Niemandem ist ein persönlicher Vorwurf zu machen, wenn er sich so verhält.

Wahrscheinlich liegt in dieser Neigung des Menschen zum Verdrängen auch die Antwort auf die Frage, weshalb sich an den Missständen nichts ändert. Oder, weshalb in einem jahrzehntealten Protestsong so verblüffend genau die gleichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschrieben werden, wie wir sie heute im Alltag erleben müssen.
Wir müssen uns den bevorstehenden Urlaub nicht vergällen lassen. Wir müssen uns aber immer und immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass wir die Zerstörung der Erde nur aus eigener Kraft verhindern können.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung