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Die neue Lehrstellenkrise

Leitartikel Die neue Lehrstellenkrise

Die gern erzählte Geschichte vom umworbenen Nachwuchs ist nur ein Teil der Wahrheit. Während Tausende Lehrstellen unbesetzt bleiben, sind nicht viel weniger Schulabgänger noch auf der Suche. So weit liegen Angebot und Nachfrage nämlich gar nicht auseinander. Sie finden nur oft nicht zusammen. Eine Analyse von Stefan Winter. 

Wenn Bäckermeister Werbung machen, geht es nicht mehr nur um Brötchen. Auf den Tresen liegen Hochglanz-Flyer („Jetzt bei uns anfangen!“), im Internet läuft der „Azubifilm: Entdecke dein Talent!“ – und andere Mittelständler bieten den Bewerbern gar Firmenautos und locken sie mit Open-Air-Festivals. Und doch: Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt.

Einmal zurückspulen: Vor ziemlich genau zehn Jahren rauften sich Politik, Betriebe und Gewerkschaften zusammen, um Zehntausenden Jugendlichen trotz widriger Bedingungen eine Perspektive zu geben. Es waren Zeiten von Lehrstellenknappheit und Ausbildungspakten – doch die sind lange vorbei. Zu Beginn dieses Ausbildungsjahres findet man Enttäuschte auf beiden Seiten: Betriebe stehen ohne Auszubildende da, weil die Jahrgänge kleiner werden, ein immer größerer Anteil studiert, der Nachwuchs stets die gleichen Berufe bevorzugt und die Abgänger mit den guten Noten in die Konzerne drängen. Mittelständler führen beredte Klage über weltfremde Vorstellungen und mangelnde Ausbildungsreife vieler Bewerber. Was hilft’s?

Es sind längst nicht nur die Problemfälle, die jetzt noch ohne Lehrstelle dastehen. Denn die gern erzählte Geschichte vom umworbenen Nachwuchs, der sich mitten im Europa der Jugendarbeitslosigkeit seinen Job aussuchen kann, ist nur ein Teil der Wahrheit. Während Tausende Lehrstellen unbesetzt bleiben, sind nicht viel weniger Schulabgänger noch auf der Suche. So weit liegen Angebot und Nachfrage nämlich gar nicht auseinander. Sie finden nur oft nicht zusammen. Das ist kein Wunder, denn für beide Seiten geht es um viel. Da träumt ein junger Mensch von seiner Zukunft, ohne schon allzu realistische Vorstellungen zu haben. Die Bezahlung soll stimmen, die Aufgabe aber wenig Lästigkeit enthalten, der Beruf eine Perspektive bieten, die Stelle aber bitte heimatnah liegen. So ist die Banklehre überlaufen wie eh und je – die Jugend drängt in eine Krisenbranche.

Und auf der anderen Seite würde man sich die Bewerber gern passend backen, schließlich investiert ein möglicherweise kleiner Betrieb viel Zeit, Geld und Nerven – hoffentlich nicht in eine Fehlbesetzung. Da bleibt die Stelle notfalls eben frei. Dass viele potenzielle Paare nicht über diese hohen Hürden kommen, ist kein Wunder. Es hat aber Folgen. Auf der einen Seite droht es den Mittelstand zu schwächen, von dem so viel abhängt. Und auf der anderen Seite ist die Zahl der Jugendlichen ohne Berufsperspektive immer noch viel größer, als es sich ein Land gerade in diesen bewegten Zeiten leisten kann. Dass die Qualifikation der Bewerber verbessert und vor allem die Zahl der Schulabbrecher gesenkt werden muss, wurde inzwischen erkannt. Nicht zuletzt werden Betriebe und Schulabgänger aber auch etwas realistischer miteinander umgehen müssen, wenn nicht auf beiden Seiten Verlierer stehen sollen.

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