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Die neue
 Stärke des Iran

Analyse Die neue
 Stärke des Iran

Mit der Einigung im Streit um das iranische Atomforschungsprogramm öffnen sich ganz neue Möglichkeiten – insbesondere für Deutschland. Eine Analyse von Stefan Koch.

Jetzt haben es alle ganz eilig. Schon am Sonntag will Sigmar Gabriel nach Teheran und Isfahan aufbrechen. Begleitet von einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation möchte der Vizekanzler die Chancen und Risiken neuer Kooperationen ausloten. Angst vor dem Mullah-Regime? Das war gestern. Mit der Einigung im Streit um das iranische Atomforschungsprogramm öffnen sich ganz neue Möglichkeiten – insbesondere für Deutschland.

Es scheint, als erwache die Welt aus einem jahrelangen Albtraum: Ausgerechnet der Iran mit seinem großen Potenzial war abgeschottet. Das strengreligiöse Regime hatte das Land auf einen gefährlichen Kurs jenseits aller Diplomatie gezwungen und ordnete jegliche Kooperation dem eigenen Vormachtstreben unter. Besorgniserregend war nicht nur das Experimentieren mit Uran, sondern ebenso die Unterstützung der Hisbollah und Hamas. Ganz zu schweigen von den ständigen Hasstiraden auf Israel und die USA.

Eine Lösung all der tief liegenden Probleme im Nahen und Mittleren Osten ist vom Wiener Vertrag nicht zu erwarten. Der bemerkenswerte Erfolg der geduldigen Verhandlungsführer aus Europa und Amerika liegt vielmehr in der Rückkehr zur Diplomatie. Sicher: Niemand vermag heute vorherzusehen, ob sich in den kommenden zehn Jahren Kontrollierte und Kontrollierende an die Spielregeln halten werden. Auch ist es kaum vorstellbar, dass die Inspektoren wirklich jeden Winkel des großen Landes in Augenschein nehmen.

Nichtsdestotrotz versichert die Teheraner Führung gegenüber der Weltöffentlichkeit und der eigenen Bevölkerung, keine Massenvernichtungswaffen zu entwickeln oder zu erwerben – und diese Zusage regelmäßig überprüfen zu lassen. Die Mullahs haben offenbar die Zeichen der Zeit erkannt. Dank ihrer neuen – wenn auch unterkühlten – Beziehung zum Westen finden sie sich in einer durchaus komfortablen Lage wieder: Auch ohne Atombomben im Hinterhof wächst ihr Einfluss in der Region massiv. Ihre neue Stärke wird nicht länger in Zweifel gezogen. Vielen Akteuren auf der internationalen Bühne ist längst bewusst, dass eine dauerhafte Befriedung in Afghanistan, im Irak und in Syrien nur gemeinsam mit dem Iran vorstellbar ist.

Erstaunlich realistisch geht mit diesen Gegebenheiten der US-Präsident um. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger war Barack Obama frühzeitig von dem Gedanken getragen, in der Krisenregion ein System von „Checks and Balances“ zu implantieren. Auch auf die Gefahr hin, den engen Verbündeten Saudi-Arabien zu verprellen, sucht Obama eine vorsichtige Annäherung an Teheran. Mittlerweile ist für alle Welt sichtbar, dass die neue – unausgesprochene – Kooperation unverzichtbar ist: Ohne den Widerstand der Schiiten hätte es wohl längst einen Durchmarsch der Extremisten des „Islamischen Staates“ nach Bagdad gegeben.

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