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Mehr Freiheit für die Jungen

Die überangepasste neue Generation Mehr Freiheit für die Jungen

Die „Generation Ü 45“ wundert sich über den kühlen Pragmatismus der „Generation U 25“. Was erwarten wir denn bitte? Seit Jahren bimst der mediale Mainstream der nachwachsenden Generation ein, dass sie mit Millionen Asiaten um die Topjobs buhle. Eine Analyse von Imre Grimm.

Seit wir tote Tiere in bemalte Höhlen schleiften, klagen „die Alten“ über „die Jungen“. Missgunst und Zwietracht zwischen den Generationen gehören zum Menschsein. „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos“, heißt es in einer Keilschrift aus der Stadt Ur. „Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.“ 4000 Jahre alt ist dieser Seufzer.

Und die heutigen Eltern klagen noch immer. Aber es geht nicht mehr um Frechheit, Sünde oder Tyrannei. Ganz im Gegenteil: Es geht um Bravheit, Konformismus, Revolutionsunlust. Die „Generation Ü 45“ wundert sich über den kühlen Pragmatismus der „Generation U 25“. Und wünscht sich mehr Aufbruch, Querulantentum, Sturm und Drang – mehr, als sie selbst je lieferte. Zahm und spießig seien die Jungen, heißt es, artig und angepasst. Das Ende der Welt ist nah.

Seinen Studenten fehle „die Lebensneugier“, klagte jüngst ein Münchener Juraprofessor. „Die sitzen da alle mit ihrem Apple MacBook und sind sehr komfortorientiert.“ Ein „zu geringes Selbstwertgefühl“ bemängelt eine Kollegin. Freiheit, Aufbruch, Abnabelung – das sei kein Thema bei heutigen Studenten. Jeder vierte wohne noch zu Hause. Und immer gehe es um Selbstdarstellung, Jobchancen, Geldverdienen. Der österreichische Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier spricht von „amoralischen Egowesen“, von „angepassten, ausbeutbaren und braven Konsumenten“.
Alles richtig. Aber erstens ist die eigene Biografie immer ein schlechter Maßstab. Und zweitens ist diese Entwicklung kaum der Jugend selbst anzulasten. Das wäre zutiefst ungerecht. Denn wie kann man von einer Generation Widerspruchsgeist einfordern, der man den darwinistischen Kampf um die besten Startbedingungen in einer globalisierten Welt mit der Muttermilch eingeflößt hat?

Wir ersetzen Bildung durch Ausbildung ...

Was erwarten wir denn bitte? Seit Jahren bimst der mediale Mainstream der nachwachsenden Generation ein, dass sie mit Millionen Asiaten um die Topjobs buhle. Acht Jahre Gymnasium, Wehrdienst abgeschafft, Expressstudium – die konsequente Durchökonomisierung des Bildungssystems musste doch dazu führen, dass 23-Jährige zu projektfressenden Technokraten wurden. Dass leistungsbereite Jungarbeitnehmerinnen mit blitzsauberen Erwerbsbiografien bruchlos von der Schule an die Uni in die Firma wechseln – ohne jede Chance auf Reflexion, Phasen der Orientierung, Denkräume, Bildung des freien Geistes. Die alten humboldtschen Bildungsideale wurden durch die nackte Vermittlung von Fachkompetenzen ersetzt. Und wir klagen jetzt darüber, dass manchem Uni-Absolventen die Zeitläufte und der eigene freie Geist wurscht seien. Das ist bigott.

Wie soll eine Jugend Optimismus entwickeln, die von einem Praktikum ins nächste gezwungen wird? Die von allen Seiten das Signal empfängt: Du hast keine Chance, wenn du nicht exakt unseren Erwartungen entsprichst. Wenn Personalchefs die Stirn runzeln: Bitte? Sie hatten zwischen 1999 und 2001 keinen Arbeitgeber? Was war denn da los? Kiffen im Jemen oder was?

In Wahrheit ist es eine deutsche Lebenslüge, dass ein noch kompakteres Studium, eine noch stringentere Ausbildung ohne jedes Durchschnaufen die drohenden Lücken in der Rentenkasse und auf dem Arbeitsmarkt stopfen könnten. Stattdessen muss dieses Land zum Einwanderungsland werden, muss lernen, gut ausgebildete Ausländer selbstverständlich willkommen zu heißen.

... und wundern uns über unreife junge Leute

Deutschland ist das zweitälteste Land der Welt. Pro Jahr werden auf 1000 Einwohner nur noch acht Kinder geboren. Es müsste seinen letzten verbliebenen Jüngeren jede Möglichkeit geben, ihre Stärken zu finden. Stattdessen erstickt die halbgare Bologna-Reform jeden Anflug von fruchtbarem Querdenkertum im Keim – einer Schlüsselqualifikation, auf die eine erfinderische Wissensgesellschaft aber angewiesen sein wird.

Seit die nackte „Ausbildung“ die „Bildung“ ersetzt hat, ist für Kulanz im Lebenslauf kein Platz mehr. Das zarte Pflänzchen Freiheit stirbt, bevor es die Sonne sieht. Denn ökonomische Bildung produziert ökonomisches Denken. Ideale? Ja, schon – aber nicht, wenn’s den Chef stört. Nach einem Job suchen? Gern. Nach sich selbst? Keine Zeit. Es ist doch kein Wunder, dass derart verunsichertes, angstgetriebenes Jungvolk in Konventionen flüchtet.

Ausgerechnet das System selbst, Ironie der Geschichte, ruft jetzt nach einer Umsteuerung. Die ersten Firmen spüren, dass allzu unreifes Jungpersonal die Schlagkraft schmälert. Die Lehre daraus liegt ganz nahe: Mehr Freiheit für die Jungen!

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