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Die zermürbende Kraft des Terrors

Analyse zur Türkei Die zermürbende Kraft des Terrors

Der türkische Präsident Erdogan kündigt immer wieder an, den Terror mit besonders starker Hand zu bekämpfen. Erstaunlicherweise aber erweisen sich gerade die autoritären Strukturen im Land dabei als nicht besonders effektiv. Die Türkei hat härtere Anti-Terror-Gesetze als alle Länder Europas und konnte trotzdem die neue Terrorserie nicht verhindern. Eine Analyse von Jörg Kallmeyer.

Hannover. Was tut man dieser Stadt nur an? Istanbul wird dreimal innerhalb eines halben Jahres vom Terror erschüttert. Mindestens elf Menschen starben gestern in der Altstadt, wenige Hundert Meter Luftlinie von dem Platz entfernt, auf dem im Januar zwölf deutsche Touristen in die Luft gesprengt wurden. Im März riss ein Selbstmordattentäter auf einer Einkaufsstraße vier Menschen mit in den Tod. Während bei uns viel über Paris und die Gefahr während der Fußball-Europameisterschaft geredet wird, erleidet eine Millionenstadt kurz hinter den Grenzen der EU hilflos eine beispiellose Demonstration des Terrors. Istanbul erfährt in aller Deutlichkeit, welche Macht der Terror hat. Er tötet, er zermürbt, er zerstört Existenzen.

Normalerweise sind die Monate Mai und Juni die Hochsaison für Städtereisen nach Istanbul. In diesem Jahr aber sind viele Hotelbetten leer. Istanbul und die ganze Türkei sind uns unheimlich geworden. In rasantem Tempo verliert ausgerechnet die Stadt, die für eine moderne, weltoffene Türkei steht, ihren guten Ruf. Gestern noch „Boomtown am Bosporus“, heute Sorgenkind der Sicherheitsleute.

Die Türkei hat in den vergangenen Monaten leider wenige Anlässe geboten, Vertrauen zurückzugewinnen. Im Gegenteil: In aller Deutlichkeit wird vorgeführt, was geschieht, wenn ein Land von der komplexen Bedrohung des Terrors überfordert ist. Oder wenn die Regierung den Terror zu innenpolitischen Zwecken sogar in Kauf nimmt.

Das Attentat im März soll die Terrormiliz IS verübt haben, den Anschlag gestern schrieb der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan kurdischen Extremisten zu. Der Kampf an zwei Fronten hat auch für den Staat zermürbende Folgen. Gerade weil man immer zwei Bedrohungen zugleich im Blick haben muss, gelingt die Terrorabwehr besonders schlecht. Erdogan muss sich zudem den Vorwurf gefallen lassen, dass ihm der kurdische Terror zur Stabilisierung seiner eigenen Macht recht ist. Mit den politischen Führern der PKK jedenfalls hatte man sich schon friedlich arrangiert, bevor Erdogan selbst den Kurden-Konflikt wieder anstachelte.

Wie andere autoritäre Herrscher auch kündigt Erdogan immer wieder an, den Terror mit besonders starker Hand zu bekämpfen. Erstaunlicherweise aber erweisen sich gerade die autoritären Strukturen im Land dabei als nicht besonders effektiv. Die Türkei hat härtere Anti-Terror-Gesetze als alle Länder Europas und konnte trotzdem die neue Terrorserie nicht verhindern.

Innerer Zusammenhalt eines Landes lässt sich nicht erreichen durch großspuriges Auftreten des Präsidenten und durch Propagandaschlachten über die Deutung historischer Ereignisse. Wenn die Türkei gegen den Terror zusammenrücken will, dann muss Gewissheit herrschen, dass ihr Staatsführer kein politisches Kapital aus Bombenanschlägen schlagen will.

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