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Ein Meer der Hoffnung

Leitartikel Ein Meer der Hoffnung

24 Nationen und die EU schließen einmütig ein Abkommen - doch geht es darin nicht um Krieg oder Frieden. Der Vertrag schützt nicht die Menschen in Mossul und Aleppo. Er schützt Pinguine, Robben und Krebse. Und doch sollte man die Schaffung einer Meeresschutzzone nicht kleinreden. Sie ist wichtig – für die Umwelt wie für die Politik.

Da sitzen also Amerikaner, Russen, Chinesen und Europäer mit vielen anderen an einem Tisch, verhandeln über Zukunftsfragen und kommen doch zu keinem Ergebnis. Über Jahre. So weit, so vertraut. Dann aber passiert Erstaunliches. 24 Nationen und die EU schließen einmütig ein Abkommen – eines, das 35 Jahre lang Bestand haben soll. Leider geht es darin nicht um Krieg oder um Frieden. Der Vertrag schützt nicht die Menschen in Mossul und Aleppo. Er schützt Pinguine, Robben und Krebse. Und doch sollte man die Schaffung einer Meeresschutzzone vor der Antarktis in ihrer Bedeutung nicht kleinreden. Sie ist wichtig – für die Umwelt wie für die internationale Politik.

Das Rossmeer zählt zu den seltenen Flecken Erde, in denen der Mensch kaum Spuren hinterlassen hat. Die Eisregion 3500 Kilometer südlich von Neuseeland ist so abgelegen und schwer passierbar, dass sich weder Fischfangflotten noch Touristen dorthin wagen. Polarforscher möchten dort weiterhin ungestört die Folgen des Klimawandels ohne menschlichen Einfluss erkunden. Und sie wollen verhindern, dass eines vielleicht nicht allzu fernen Tages doch noch große Trawler ins Refugium einbrechen – wenn nämlich wegen steigender Meerestemperaturen mehr Fische ins kalte Rossmeer weichen.

Fischfang im intakten Ökosystem: Was für die einen ein umweltpolitisches Horrorszenario ist, lässt andere auf Gewinne hoffen. Im Interessenkonflikt zwischen Fischfangnationen wie China, Japan, Russland und Norwegen einerseits und naturschutzorientierten Staaten wie Deutschland andererseits liegt der Grund für die Komplexität der Verhandlungen.

Dass das Rossmeer nun unter Schutz steht, erklärt sich auch aus seiner entlegenen Lage. Zu groß ist derzeit noch der Aufwand für Fangflotten, um dort Schwarzen Seehecht zu fischen. Finanzielle Einbußen hat vorerst niemand. Doch das Schutzabkommen ist nicht bloß Ergebnis kalkulierender Interessenspolitik. Es bietet auch leisen Grund zur Hoffnung, dass sich die in geopolitischen Fragen zerstrittenen Amerikaner, Russen, Europäer und Chinesen doch noch zusammenraufen können. Diese Hoffnung ist wohl auch der Grund für das große Interesse, auf das die Meldung von der Schutzzone stößt.

Nachrichten von staatenübergreifenden Einigungen sind selten geworden. Die Vereinten Nationen sind im Syrien-Konflikt gelähmt, die Welthandelsorganisation versagt in der Schaffung global fairer Handelsbeziehungen, selbst die EU kommt aus dem Streiten nicht mehr raus.

Ja, es ist angesichts der vielen Krisen in der Nachbarschaft ein schwacher Trost, dass die Weltgemeinschaft ausgerechnet am Ende der Welt zueinandergefunden hat. Aber immerhin findet sie noch zueinander. Interessensgegensätze lassen sich überwinden – wenn denn der politische Wille dazu vorhanden ist.

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Von Redakteur Marina Kormbaki