Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Ein Zeichen gegen die Unkultur

Kommentar zum Friedensnobelpreis Ein Zeichen gegen die Unkultur

Wer sich im Nahen Osten umschaut, könnte meinen, der Arabische Frühling sei nur noch eine politische Silhouette. Außer in Tunesien herrschen überall autoritäre Regime. Mahnungen zu Deeskalation werden als Moralpredigten belächelt. Zu dieser politischen Unkultur setzt der Friedensnobelpreis einen Kontrapunkt. Von Martin Gehlen.

Wer sich heute im Nahen und Mittleren Osten umschaut, könnte meinen, der Arabische Frühling sei nur noch eine ferne politische Silhouette – verblasst und vergessen, überrollt von den brutalen Realitäten. Außer in Tunesien herrschen überall wieder autoritäre Regime. Diese orientalischen Potentaten sind unfähig zu tragenden Kompromissen, sie kennen kein Innehalten und keine Kultur der Deeskalation. Alle Machtkonflikte werden bis zum bitteren Ende ausgefochten. Nachgeben gilt als Schwäche, als Gesichtsverlust, ja, sogar als Schmach. Mahnungen zu Mäßigung, Deeskalation und politischer Integration werden als Moralpredigten belächelt.

Zu dieser tief eingeschliffenen politischen Unkultur der arabischen Welt setzt der Friedensnobelpreis einen Kontrapunkt. Er ehrt Menschen, die durch Kompromissbereitschaft, selbstlosen Einsatz für das öffentliche Wohl und Absage an Gewalt ihre Heimat vor der Selbstzerstörung bewahrten. Gleichzeitig bringt er wieder eine Sehnsucht zum Leuchten, welche vor vier Jahren als Arabischer Frühling die Region bewegte und die gesamte Welt faszinierte. Insofern ist das Osloer Lob für die mutige tunesische Zivilgesellschaft und ihr Quartett auch eine Auszeichnung für alle Aktivisten in den übrigen arabischen Staaten, die bisher vergeblich ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Freiheit für offene, demokratische Gesellschaften opferten.

In Syrien sind bisher 250 000 Menschen gestorben, die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Libyens Staat ist zerbröselt, der Jemen wird in Schutt und Asche bombardiert. In Ägypten sitzen Abertausende junger Leute unschuldig in Gefängnissen, nur weil sie nicht mehr länger als dumpfe Untertanen leben wollen. Auch diesen Aufrechten, die ihren Traum von Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie nicht aufgeben wollen, ist dieser Friedensnobelpreis gewidmet.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung