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Ein gutes Urteil – 
aber viel zu spät

Analyse zum Auschwitz-Prozess Ein gutes Urteil – 
aber viel zu spät

Der 94-jährige frühere SS-Mann Oskar Gröning muss für vier Jahre ins Gefängnis. Der Prozess und das Urteil zeigen, wie der Umgang mit Nazi-Verbrechern hätte gehen müssen. Eine Analyse von Thorsten Fuchs.

Was für eine Vorstellung: Ein 94-Jähriger, der seinen Rollator mit schleppendem Schritt über die Schwelle einer Justizvollzugsanstalt bugsiert. Vier Jahre soll er dort bleiben. Es ist noch nicht klar, ob Ärzte den früheren SS-Mann Oskar Gröning noch vor dem Gefängnis bewahren. Aber so oder so ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er das Ende seiner Strafe nicht mehr erlebt. Kann das gerecht sein? Oder ist das ein später, billiger Sieg auf Kosten eines reuevollen Greises?

Es ließe sich viel gegen das Urteil des Landgerichts Lüneburg in diesem womöglich letzten Auschwitz-Prozess der Republik vorbringen. Gröning, der Buchhalter, war keiner der Haupttäter von Auschwitz. Mehr als 70 Jahre liegen seine Taten zurück. In dieser Zeit haben viele seiner Vorgesetzten und Kameraden ihr Leben zu Ende gelebt, ohne je mit der Justiz Bekanntschaft zu machen. Gröning hat das Pech gehabt, so lange zu leben, bis sich die Ermittler eines Besseren besonnen haben. Er selbst scheint seine Beteiligung an den Morden von Auschwitz aufrichtig zu bereuen. Selbst mit 94 hat er nicht versucht, sich dem Prozess zu entziehen.

Die deutsche Justiz hat die Aufarbeitung der NS-Verbrechen jahrzehntelang verschleppt – und erinnerte in ihrer Argumentation dabei oft fatal an die NS-Ideologie. Auschwitz als große Tötungsfabrik, in der jeder nur ein kleines Rädchen war, das sich unschuldig am Gesamtverbrechen fühlen durfte: So erleichterte schon die SS das Gewissen der Mittäter – und genauso schaute die deutsche Justiz lange auf Auschwitz. Als wäre die große Vernichtungsmaschine denkbar ohne all die kleinen Teile, die gewissenhaft ihr Werk verrichteten.

Doch die alten Fehler sind kein Grund, es auch heute falsch zu machen. Das Landgericht Lüneburg hat im Grunde etwas ganz Selbstverständliches getan: Es hat sich einen unbefangenen Blick erlaubt. Auschwitz ist in seinem Urteil endlich das, was Historiker schon lange wissen: Ein monströses, arbeitsteilig organisiertes Verbrechen. Die Justiz wusste das schon mal. Fritz Bauer, der legendäre Staatsanwalt aus den Sechzigerjahren, hat so argumentiert. Man kann sich mal wieder daran erinnern.

Das Lüneburger Landgericht musste mit diesem Urteil nicht nur einem 94-jährigen früheren SS-Mann gerecht werden. Sondern auch den Opfern, den Überlebenden von Auschwitz, die in diesem Prozess das unfassbare Leiden in dem Lager schilderten – und wie die Erinnerung an ihre oft zu Dutzenden ermordeten Familienangehörigen sie bis heute quält. Es gut sein lassen und einen alten Mann schonen, nur weil man die anderen Täter auch geschont hat? Was wäre das für ein Zynismus gewesen. Das Urteil von Lüneburg wird kein neues Kapitel im Umgang mit den Nazi-Verbrechen mehr begründen. Dafür ist es zu spät. Aber es zeigt, wie es hätte gehen können, wie es hätte gehen müssen. Das ist sein großes Verdienst.

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