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Jenseits von Ideen

Eine Glosse zur Ideenexpo Jenseits von Ideen

Wir haben jede Menge Probleme. Aber wir haben die Hoffnung, dass wir sie lösen werden. Schon bald. Es fehlt nur noch an Ideen. Sie werden schon kommen. Da sind wir ganz zuversichtlich. Wir hoffen auf gute Ideen. Ideen werden’s schon richten. Eine Glosse von Ronald Meyer-Arlt zur Ideenexpo.

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In der verrückten Cafeteria: Autor Bas Kast probiert im Virtual-Reality-Labor der Uni Nijmegen die Datenbrille aus und wandert durch den Ideenraum.

Quelle: Sina Bartfeld

Hannover. Wir haben jede Menge Probleme. Aber wir haben die Hoffnung, dass wir sie lösen werden. Schon bald. Es fehlt nur noch an Ideen. Sie werden schon kommen. Da sind wir ganz zuversichtlich. Wir hoffen auf gute Ideen. Ideen werden’s schon richten.

Ideen sind ein Wechsel auf die Zukunft. Sind erst die richtigen Ideen da, wird alles gut. Sie retten uns aus großer Gefahr. Früher war es Gott, heute sind es Ideen. Wir beten sie an. Früher war Gott der Schöpfer, heute sind wir selbst schöpferisch tätig. Kreative sind großartig, denn sie lassen etwas aus dem Nichts entstehen.

So in etwa ist unsere emotionale Haltung gegenüber Ideen. Dumme Ideen sind dabei eigentlich nicht vorgesehen. Und einem möglichen Mangel an Ideen begegnet man mit einer Fülle von Ideenfindungstechniken.

Deshalb gibt es Veranstaltungen wie die Ideen-Expo. Sie sollen den Boden bereiten für neue Ideen. An derartigen Düngemitteln ist wahrlich kein Mangel. Landauf, landab werden Interessierte mit Kreativseminaren versorgt, der Buchmarkt bietet eine Fülle Publikationen zum Thema. Gerade erst ist Bas Kasts „Und plötzlich macht es Klick. Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen.“ (S.-Fischer-Verlag, 19,99 Euro) erschienen, ein unterhaltsames Sachbuch, das den Stand der Kreativitätsforschung gut wiedergibt.

Der Autor warnt davor, auf Autopilot zu schalten. Das tun wir immer dann, wenn wir Routineaufgaben abarbeiten. Dabei erledigt das Gehirn seine Aufgaben, wie es sie gern erledigt: mit möglichst geringem Aufwand und nach einem festen Schema. Neues entsteht dabei eher nicht.

Irritationen dagegen helfen bei der Ideenfindung: Bas Kast beschreibt ein Experiment, das die Psychologin Simone Ritter an der Universität Nijmegen ersonnen hat. Versuchspersonen mussten sich Datenbrillen aufsetzen und erlebten damit den Besuch in einer Cafeteria. Die eine war so, wie man das erwartet: Kaffeemaschine, Theke, Tische und Fenster. Die andere dagegen war verrückt. Autos fuhren dort herum, Flaschen schwebten durch den Raum. Eine Gruppe Menschen hielt sich in der normalen Cafeteria auf, die andere in der absurden. Beiden Gruppen wurden Kreativitätsaufgaben vorgelegt. Welche Gruppe schnitt besser ab? Na klar: Die Besucher der absurden Cafeteria waren deutlich kreativer als die in der Normalwelt. Sie hatten nicht nur mehr, sondern auch bessere Einfälle. Ihr Denken war flexibler geworden.

Auch Auslandsaufenthalte helfen sehr bei der Ideenfindung. Wer eine längere Zeit im Ausland verbracht hat, hat womöglich gelernt, dass man vieles aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann. Menschen mit Auslandserfahrung sind kreativer - und zwar messbar. Kreativität ist auch eine Frage von Vernetzung und Austausch: Je umfangreicher das Adressbuch, umso kreativer sind die Menschen. Und je unterschiedlicher die Kontakte, umso ausgefallener die Einfälle.

So funktioniert die Kreativitätsmaschine in uns allen: Ideen entstehen, wenn man es schafft, eingefahrene Denkmuster zu verlassen. Und, ganz wichtig: Man darf nicht zu fixiert sein auf das, was man finden will. Kreative, etwa in der Werbebranche, wissen das. Man muss spielen, muss jonglieren, muss neue Kombinationen wagen. Und dabei so locker wie möglich bleiben. Dass vielen Künstlern und Wissenschaftlern die guten Ideen unter der Dusche oder beim Spazierengehen kommen, hat mit dieser Lockerheit zu tun. Spazierengehen oder Duschen löst die Fixierung auf das Ergebnis. Weniger Krampf, mehr Dampf - eigentlich ist es ganz einfach.

Ideen kommen, wann sie wollen. Man kann sich ihnen gegenüber gastlich verhalten, sodass sie sich willkommen fühlen, dann kommen sie gern, aber man kann sie nicht zwingen, zu kommen. Sie machen, was sie wollen.

Ideen sind sehr flüchtige Wesen, wie Elfen, wie Geister; wer zu lange zögert, dem entwischen sie. Deshalb tun Menschen, die auf Ideen angewiesen sind, gut daran, vorbereitet zu sein. Ernest Hemingway hatte (wie viele seiner Kollegen) immer einen Notizblock und einen Bleistift dabei. Hemingway verwendete ein Notizbuch mit einem Gummiband, mit dessen Hilfe man schnell die nächste leere Seite erwischen kann. Ein Notizblock muss nicht angeschaltet und hochgefahren werden, und er kennt auch keine Batterieprobleme, man kann sofort losschreiben.

Auch der Bleistift hilft beim Schnell- start. Und überhaupt beim Schreiben. Wer einen Bleistift benutzt, braucht keine Angst vor falschen Formulierungen zu haben. Es ist ja nur ein Bleistift, alles kann wieder ausradiert werden. Auf der Suche nach einem wahren Satz (wahre Sätze, das waren die, die Hemingway suchte) ist diese Methode sehr hilfreich. Wer seine Sätze gleich in Stein meißeln will, macht es sich unnötig schwer, welche hervorzubringen.

Mit dem Notieren einer Idee ist es aber längst nicht getan. Ein Notizbuch voller kluger Sätze, ist schließlich längst noch kein Roman. Ideen zu haben ist die eine Seite, mit Ideen umzugehen die andere, und wohl auch die schwierigere. Denn nun wird es handwerklich. Schlechte Ideen müssen ebenso aussortiert werden wie gute, die nicht passen. „Kill your Darlings“ ist ein Lehrsatz, der in Schreibwerkstätten oft zu hören ist - er ist sicher richtig, aber es kann auch sehr schmerzhaft sein, seine Liebsten zu töten.

„Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration“, hat Thomas Alva Edison gesagt. Die meisten Kreativen würden diesen Befund wohl bestätigen. Fleiß ist der nervige kleine - nein: große - Bruder der Kreativität. Aber ohne ihn geht es nicht. Nur Ideen zu haben kann keine Lösung sein, man muss sie auch umzusetzen wissen.

Aber eine „Schweiß- und Tränenexpo“ wäre trotzdem wohl keine gute Idee.

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