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Einfach mal abrüsten

Analyse Einfach mal abrüsten

Falschmeldungen hat es schon immer gegeben. Behörden können irren, Informationen können falsch verstanden werden. Selten zuvor aber haben Falschmeldungen eine solche Wirkung ausgelöst wie jetzt. Und so sollte eine Woche der Beschäftigung mit Gerüchten, Halbwahrheiten und Behauptungen zumindest zur Nachdenklichkeit führen: Was läuft schief auf den Nachrichtenwegen? Eine Analyse von Jörg Kallmeyer.

Die Mitstreiter von „Moabit hilft“ traten kleinlaut an die Öffentlichkeit: Ja, die Geschichte vom Flüchtling, der vor der Berliner Sozialbehörde Lageso gestorben sein sollte, war von einem Helfer frei erfunden worden. Aber sie passte nun einmal genau ins Bild der überforderten und herzlosen Bürokratie: Noch bevor sich offizielle Stellen zu dem Fall geäußert hatten, war das Netz voll von empörten Kommentaren.

Genau in die andere Richtung zielt ein Gerücht, das gezielt als Propagandainstrument eingesetzt wird. Polizei und Staatsanwaltschaft werden nicht müde zu betonen, dass es keine Anzeichen dafür gibt, dass das russlanddeutsche Mädchen Lisa von Flüchtlingen vergewaltigt worden ist. Aber was hilft eine nüchterne Erklärung schon gegen die vielen Verschwörungstheoretiker im Netz - und gegen gezielte Fehlinformation in russischen Medien? Russlands Außenminister greift die deutschen Behörden an, vor dem Kanzleramt demonstrieren Menschen gegen etwas, das nach allem, was wir wissen, niemals stattgefunden hat.

Gerüchte und Falschmeldungen finden im Augenblick einen idealen Nährboden in Deutschland. Weil die Vorgänge in der Silvesternacht so spät bekannt wurden und weil die Polizei in Köln die Informationen zurückhielt, stehen Behörden und die klassischen Medien bei vielen Menschen unter einem Generalverdacht. All jene, die von professionellen Nachrichtenquellen nicht mehr viel wissen wollen, müssen aber auch erkennen, dass andere Formen der Informationsbeschaffung in die Sackgasse führen können - nämlich dann, wenn sie ungeprüften Falschmeldungen hinterherlaufen. Facebook korrigiert keine Falschmeldungen. Und für die professionellen Medienmacher gilt: Nicht jede Meldung ist die Aufregung wert, mit der sie gerade verbreitet wird.

Ein vermeintlich toter Flüchtling als Anklage gegen eine Behörde, ein vermeintlich vergewaltigtes 13-jähriges Mädchen als Anklage gegen Deutschland - beide Fälle sollten Anlass genug zum Abrüsten in einer immer gefährlicheren Schlacht mit Nachrichten sein.

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