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Erdogans kleine Kampfzone

Analyse zur Türkei Erdogans kleine Kampfzone

Das deutsch-türkische Verhältnis liegt noch nicht in Scherben. Das liegt auch an Angela Merkel. Man kann aus gutem Grund empört sein über die Zurückhaltung der Kanzlerin. Allerdings wäre niemandem geholfen, wenn sie die Provokationen Erdogans erwidern würde. Eine Analyse von Marina Kormbaki.

Berlin. Superman braucht keinen Gurt“, erwiderte der Boxer Muhammad Ali einst auf die Aufforderung eines Flugbegleiters, sich anzuschnallen. Im Hang zur Großmäuligkeit steht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinem Idol Ali in nichts nach. Bevor Erdogan am Mittwochabend das Flugzeug bestieg, das ihn in die USA zur Beerdigung Muhammad Alis brachte, forderte er im Gespräch mit Reportern Deutschland auf, seinen „Fehler zu korrigieren“ und von der Bundestagsresolution zum Völkermord an den Armeniern Abstand zu nehmen. Sonst werde die Türkei andere Saiten aufziehen. Dann stieg Erdogan ins Flugzeug. Fraglich, ob er angeschnallt geflogen ist.

Zu all dem wiederum, was Recep Erdogan von Muhammad Ali fundamental unterscheidet, zählt jetzt vor allem: Erdogans Kampfzone beschränkt sich leider nicht auf einen Boxring. Er teilt weitläufig aus, seine Verbalhiebe treffen die türkische und die deutsche Gesellschaft ins Mark. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie stark Erdogans Provokationen und Polarisierungen das Verhältnis beider Staaten zueinander beschädigen können.

Der Bundestag, den Erdogan nach dessen Annahme der Resolution zum osmanischen Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren zur langen Liste seiner Gegner hinzugefügt hat, nimmt diese Rolle erfreulich furchtlos an. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat sich gestern in wohltuender Deutlichkeit vor allem vor die türkischstämmigen Abgeordneten gestellt, die nun Bedrohungen vonseiten türkischer Nationalisten ausgesetzt sind. Die Reaktion des Abgeordnetenhauses wird Erdogan kaum überrascht haben, entspricht sie doch seiner bisherigen Linie, deutsch-türkische Konfrontationen auf Nebenschauplätzen der großen Politik auszutragen, ob dies nun Satiresendungen sind oder eben das Parlament - eine Institution, für die Erdogan auch daheim in Ankara nicht viel übrig hat. Dass manche Deutschtürken in Niedersachsen dieses Theater offenbar auch noch begrüßen, macht die Diskussion nicht einfacher.

Erdogans Vorwürfe sind überzogen und verletzend. Bislang aber ist seine Reaktion auf die Anerkennung des Genozids aber vor allem rhetorischer Art. Erdogan hat die EU-Beitrittsgespräche nicht platzen lassen, er hat den EU-Türkei-Flüchtlingsdeal nicht aufgekündigt - erst gestern wurden wieder Syrer von Griechenland in die Türkei zurückgebracht -, und er spart die Bundesregierung bei seinen Verbalattacken aus. Das deutsch-türkische Verhältnis liegt also noch nicht in Scherben. Das liegt auch an Angela Merkel. Man kann aus gutem Grund empört sein über die Zurückhaltung der Kanzlerin. Allerdings wäre niemandem geholfen, wenn sie die Provokationen Erdogans erwidern, wenn der Konflikt auf Regierungsebene ausgetragen würde. Leidtragende wären auch drei Millionen Deutschtürken, von denen sich viele schon jetzt vor eine Zerreißprobe gestellt sehen.

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