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Europas vergessene junge Generation

Arbeitsmarkt Europas vergessene junge Generation

Wer in diesem Sommer im Süden war, konnte sich ein eigenes Bild von der Lage machen. Zunächst überwiegt meist der Eindruck von Sonne und Leichtigkeit – wären da nicht die kleinen Geschichten am Rande. E ine Analyse von Jörg Kallmeyer.

Da steht etwa eine junge Frau in der Touristeninformation eines winzigen Ortes in Nordspanien und berichtet in drei Fremdsprachen fließend von den Vorzügen der Region. Die Sprachen hat sie an der Uni Madrid studiert. Eine schöne  Ferienbeschäftigung in der Touristeninformation also? Von wegen: Der Minijob war für sie die einzige Chance, nach dem Studium überhaupt ein bisschen Geld zu verdienen.

Am Ende dieser Woche werden die  Staats- und Regierungschefs der EU einen neuen Versuch unternehmen, die Personalien für die EU-Kommission zu klären. Es wird höchste Zeit. Lang genug haben sich seit der Europawahl im Mai die europäischen Institutionen mit sich selbst beschäftigt. Jetzt geht es um eine Rückkehr zu Inhalten. Denn Europa schuldet seinen Jugendlichen politisch noch einiges.

Kritiker sprechen von einer vergessenen Generation. Mehr als 7,5 Millionen junge Leute unter 25 Jahren sind in der EU arbeitslos. In Spanien und Griechenland ist jeder Zweite in dieser Altersgruppe ohne Job. In Europa wächst eine Generation junger Leute heran, die nicht auf stetige Wohlstandszuwächse blickt, sondern auf immer neue ökonomische Schocks und Krisen. Im September jährt sich zum sechsten Mal der Zusammenbruch von Lehman Brothers; bei der Eindämmung der nachfolgenden Finanzkrise hat die Staatenwelt ihre ohnehin haarsträubende Verschuldung noch weiter erhöht.

Europa hat, oberflächlich betrachtet,  seine junge Generation gar nicht vergessen. Es gibt ja Studien, Konferenzen und auch einige milliardenschwere Programme für die jungen Verlierer der Krise.

Europa hat aber die Kraft verloren, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und Probleme an der Wurzel zu packen. Es reicht jedenfalls nicht aus, mit einem Subventionsprojekt einfach allen jungen Leuten einen Job in Aussicht stellen zu wollen. Das bisherige Sechs-Milliarden-Programm der EU hat vor allem einen zweiten Arbeitsmarkt geschaffen, wie Experten der Robert-Bosch-Stiftung am Donnerstag in Berlin berichteten. Es kommt darauf an, das Bildungssystem und die Ausbildungswege in den Krisenländern nachhaltig zu modernisieren und neu auszurichten, damit junge Leute auf Dauer gut bezahlte Arbeit bekommen. Dafür braucht man viel Geld – und einen langen Atem.

Für viele der Jugendlichen, die jetzt nach dem Studium Werbezettel in Madrid und Athen verteilen, werden die Reformen in ihrer Heimat zu spät kommen. Sie werden über kurz oder lang zu den neuen Nomaden gehören, die in Deutschland oder anderswo im reichen Norden ihr Glück versuchen. Man kann ihnen nur wünschen, dass sie ihr Glück hier auch finden.

Von ihren Heimatländern aus betrachtet sieht das etwas anders aus: Der Süden muss fürchten, dass ihm die Generation verloren geht, die für den Neuanfang stehen sollte. Werden im Sinne Spaniens und Griechenlands die verlorenen Söhne und Töchter schon bald, reich an neuen Erfahrungen, zurückkehren?

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