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Jörg Kallmeyer zum Schulgipfel Fehler im System

Gymnasium oder Gesamtschule? Ganz egal: Hauptsache, das Ergebnis stimmt! Haupt- und Realschulen unter einem Dach? Warum nicht, wenn für den Schüler das Beste dabei herauskommt!

Ein Bürgermeister will in die Schule im Problemstadtteil doppelt so viele Lehrer schicken wie in die Schule im schicken Vorort? Na klar, man weiß vor Ort am besten, wo die Probleme wirklich liegen!

So einfach könnte Bildungspolitik sein. Und an einem Tag, an dem sich der Kultusminister in Niedersachsen mit der Opposition und den Verbänden zum „Bildungsgipfel“ trifft, muss es zumindest den Eltern erlaubt sein, vom versprochenen „Schulfrieden“ zu träumen. Auch wenn der Teufel im Detail steckt und wenn die Erfahrung lehrt, dass Schulfragen gerade deshalb so schlecht für Friedensschlüsse taugen, weil sich so gut darüber streiten lässt.

Nur ein Traum

Doch andere Nationen haben es auch geschafft. In Holland hat man vor Jahrzehnten alle Grundsatzdebatten über ein gegliedertes oder integriertes Schulsystem für beendet erklärt. Beim Pisa-Sieger Finnland kommt niemand mehr auf die Systemfrage zu sprechen, seit die Schulen komplett in kommunale Trägerschaft gegeben wurden. Auch in Niedersachsen sind jüngere Abgeordnete den Dauerstreit im Landtag leid, beim Bildungsgipfel sitzen viele Pragmatiker zusammen. Und doch ist die schwarz-gelbe Landesregierung erst durch den Druck der Fakten beweglich geworden. Dass Haupt- und Realschulen zusammengelegt werden, ist eine Reaktion auf drastisch zurückgehende Schülerzahlen. Die Hauptschule ist im Konkurrenzmodell des dreigliedrigen Schulsystems gnadenlos abgewählt worden, in den Gymnasien dagegen wird es immer enger. Die Rathäuser funken SOS. Die Landesregierung hat keine andere Wahl, als sich bei der Gesamtschulfrage so weit zu bewegen, dass Verfechter eines streng gegliederten Systems aufheulen werden.

Auch bei der aktuellen Debatte können die Akteure den Eindruck nicht zerstreuen, dass die Systemfrage wenig dazu beiträgt, die drängenden akuten Probleme in den Schulen zu lösen. Seit dem Pisa-Erwachen vor fast zehn Jahren redet Deutschland über die Ganztagsschule. Dass sie kommen muss, ist politisch inzwischen unumstritten. Wie sie finanziert werden soll, kann aber immer noch niemand sagen. Die Landesregierung rettet sich bislang mit Billiglösungen über den Tag. Der Hausmeister schraubt ein neues Schild an die Tür, die Kommune spendiert eine Mensa. Und am Nachmittag sitzen nur einige Schüler, die freiwillig geblieben sind, mit Betreuern zusammen. Eine echte Ganztagsschule ist eine Pflichtveranstaltung für alle; sie greift am Nachmittag das auf, was am Vormittag auf der Strecke bleibt; sie braucht zusätzliche Lehrer. Die sechs Millionen Euro, die das Land für die neue Nachmittags-Oberschule ausgeben will, können da nur der Anfang sein.

Kreativ nur bei den Namen

Die aktuelle Integrationsdebatte hat schmerzlich daran erinnert, wie wichtig eine echte Ganztagsschule für Deutschland ist. Die Schulen sind der erste und häufig auch der letzte Ort, an dem alle Kinder der Gesellschaft zusammenkommen. Sie stehen bei der Herkulesaufgabe Integration in der ersten Reihe, doch die Lehrer werden dabei viel zu häufig alleingelassen. Wer dies ändern will, muss mehr Geld in die Bildung stecken – eine echte Herausforderung für jeden Ministerpräsidenten. Alle Posten im Etat müssen neu gewichtet werden. Wenn auch das nicht reicht, muss Berlin einspringen. Die föderale Struktur der Bildungslandschaft in Deutschland blockiert immer mehr die Entwicklung; zur Kreativität führt sie nur bei der Namenswahl. Die zusammengelegte Haupt- und Realschule heißt „Gemeinschaftsschule“, wo man sich inhaltlich viel von ihr verspricht. Im Osten heißt sie „Mittelschule“, weil man an die „Oberschule“ eher schlechte Erinnerungen hat. In Niedersachsen dagegen entscheidet man sich für die „Oberschule“, weil man sich an gute alte Zeiten erinnert. Auf einen Schlag wird nun aus dem Hauptschüler ein Oberschüler.

Ist es etwa in Stein gemeißelt, dass Berlin eine Zuständigkeit für die Schulen haben darf? Die Länder suchen verzweifelt nach Geld für die Ganztagsschule, die soziale Ungleichheiten ausgleicht und jeden Schüler so fördert, dass etwa teure Nachhilfe überflüssig wird. Die Bundesregierung plant zugleich Bildungsgutscheine für Nachhilfestunden, die – weil der Bund hier nun einmal zuständig ist – von Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit verteilt werden sollen. Welch ein föderaler Blödsinn!

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