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Frischzellenkur aus Würselen

Kommentar Frischzellenkur aus Würselen

Ob er nun Kanzler wird oder doch Oppositionsführer, Deutschland profitiert von der Personalie Martin Schulz. Er bringt frischen Wind in die Bundespolitik. Und das könnte am Ende vor allem den nationalistischen Provokateuren schaden. Ein Kommentar von RND-Chefredakteur Wolfgang Büchner.

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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz
 

Quelle: dpa

Hannover.  Am 22. November 2021 hätte es Angela Merkel geschafft: Dann wäre sie genauso lange im Amt wie einst ihr Ziehvater Helmut Kohl. Und warum sollte sich die dann 67-jährige CDU-Chefin 2020 nicht in die Pflicht nehmen lassen, für eine fünfte Amtszeit zu kandidieren? Schließlich wäre sie dann immer noch drei Jahre jünger als US-Präsident Donald Trump heute.

Vielleicht profitiert SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, der gerade von einem Umfragehoch zum nächsten eilt, vor allem davon: dass es plötzlich und unerwartet eine denkbare Alternative zur ewigen Kanzlerin gibt. Gewonnen hat die SPD die Bundestagswahl im September natürlich noch lange nicht. Gut gestartet sind schon andere Merkel-Gegner. Im Oktober 2011 war Peer Steinbrück im ZDF-Politbarometer der beliebteste Politiker – weit vor Kanzlerin Merkel. Dann zeigte er einen ausgestreckten Mittelfinger, fand das Kanzlergehalt zu niedrig, lästerte über billigen Weißwein, und schon schrumpfe der Kandidat zum Kandidätchen.

Gegen Fehler im Wahlkampf ist auch Schulz nicht gefeit. Und mit jeder inhaltlichen Festlegung wird die Zahl der Menschen, die jetzt noch alles Mögliche in den SPD-Politiker hineinprojizieren, kleiner werden. Womöglich hat der Parteienforscher Oskar Niedermayer recht mit seiner Einschätzung, dass die SPD in den Umfragen wieder verlieren wird, wenn sich der erste Hype um den Überraschungskandidaten Schulz gelegt hat. Zwar haben die Sozialdemokraten im ARD-Deutschlandtrend um 8 Prozentpunkte auf 28 Prozent zugelegt, während die Union 3 Prozentpunkte einbüßte und nun bei 34 liegt. Doch was sind diese Zahlen wert? Wahlforscher glänzten zuletzt nicht mit großer Zuverlässigkeit. Hinzu kommt: die oft übersehene Fehlertoleranz von Umfragen. Beim Deutschlandtrend beträgt diese rund 2,5 Prozentpunkte, was bedeutet, dass der Vorsprung der Union auf die SPD derzeit 6 Punkte betragen könnte – wie gestern von der ARD veröffentlicht – oder aber auch einen oder 11 Punkte.

Aber auch wenn der Mann aus Würselen am Ende nur Oppositionsführer werden sollte, seine Kandidatur wirkt derzeit wie eine Frischzellenkur für die etwas ermattete bundesdeutsche Demokratie. Deutschland braucht 2017 ein packendes Duell zwischen einer Kanzlerin und einem Herausforderer, die mit erkennbar unterschiedlichen Positionen gegeneinander antreten. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass sich nationalistische Provokateure als einzige Alternative zum Polit-Establishment präsentieren. Auch wenn eingeschworene Konservative Schulz nicht wählen werden: Auch ihnen dürfte eine sozialdemokratische Alternative zu Merkel lieber sein als eine antidemokratische Volksbewegung. Besser eine demokratische Alternative für Deutschland als eine Alternative zur Demokratie.

Von RND/Wolfgang Büchner

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