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Meinung Gabi Stief über Psychiatrie
Nachrichten Meinung Gabi Stief über Psychiatrie
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00:16 24.03.2013
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Die Menschen werden älter, und im hohen Alter leidet nicht nur der Körper, sondern auch der Geist. Die Arbeitswelt wird stressiger und mächtiger, indem sie häufig die Freizeit frisst.

Die Folgen sind messbar: Jeder Gesundheitsreport der Krankenkassen ruft dies in Erinnerung. Mehr als jeder Dritte leidet mittlerweile statistisch gesehen einmal im Jahr unter einer psychischen Störung. 50 Millionen Fehltage im Jahr werden durch seelische Erkrankungen verursacht. Kinder und Jugendliche sitzen immer häufiger beim Therapeuten auf der Couch; Psychopharmaka stehen bei Älteren hoch im Kurs. Die Zahl der Demenzkranken verdoppelt sich voraussichtlich bis 2050 auf mehr als zwei Millionen. Die Frage ist, ob jene, deren professionelle Hilfe gefragt ist, auch für diese Aufgabe gut gerüstet sind.

Die Qualität der Psychiatrie ...

Wenn Patienten ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten müssen, gerät man ins Zweifeln. Wenn Demenzkranke nachts in einem Gemeinschaftssaal einer Klinik im Neonlicht abgestellt werden, weil Personal fehlt, ist das ein Krisenzeichen. Wenn in einer Klinik des Maßregelvollzugs in Wunstorf über viele Monate Personalvorgaben nur auf dem Papier eingehalten werden, um die Gewinne zu steigern, ist dies ein Skandal.

Die Politik deutet auf langfristig gewachsene Probleme – und entschuldigt sich achselzuckend mit dem Hinweis, man finde auf die Schnelle keine neuen Mitarbeiter. Die Tatsache etwa, dass heute doppelt so viele Patienten wie vor zehn Jahren in der forensischen Psychiatrie landen, ist natürlich kein Argument gegen, sondern für neue personelle Anstrengungen auf diesem Feld.

Richtig ist immerhin, dass es schon einmal weitaus schlimmer um Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland bestellt war. Es gab Zeiten, da wurden psychisch Kranke in Landeskliniken als „verrückt“ weggesperrt; das Personal war wenig motiviert, das Image der „Anstalten“ denkbar schlecht. In den vergangenen Jahrzehnten ist viel geschehen: dank politischer Reformen und dank des Engagements der Mitarbeiter. Wohnortnahe Netzwerke, Selbsthilfegruppen und  Beratungsstellen sind entstanden. Die kranke Psyche gilt weniger denn je als ein persönliches Versagen, für das man sich schämen muss.

Letztlich ist auch dies ein Grund, weshalb die Nachfrage steigt. Die Angst, sich dem Arzt zu offenbaren, schwindet. Die Zahl der psychisch Kranken, die um Hilfe bitten, wächst. Genauso wie die Bereitschaft des Arztes, den Patienten zum Therapeuten zu schicken, statt ihm wie früher ein Schlafmittel zu verschreiben. Es mag sein, dass mittlerweile die Diagnose „Burn-out“ allzu schnell fällt. Aber dass manche, die ernsthaft Hilfe brauchen, diese nicht gleich finden, ist untragbar. Eine schnelle Behandlung ist in vielen Fällen entscheidend, um eine chronische Erkrankung zu vermeiden. Wer also hier am falschen Ende spart, erhöht unterm Strich die Kosten für alle.

... hängt an der Personalausstattung

Es gibt Klinikbetreiber, öffentliche wie private, die die Psychiatrie verlockend finden. Denn in dieser Sparte kommt man ohne teure Apparate aus. Wenn man dann noch, wie in Wunstorf geschehen, insgeheim beim Personal ein bisschen mehr einspart, als vertretbar ist, rechnet sich manche Klinik oder Abteilung besser als gedacht.

Auf Dauer aber hilft keine Trickserei an einer zentralen Erkenntnis vorbei: Die Qualität der Psychiatrie hängt an der Personalausstattung. Wie viel aber lässt sich die moderne und zugleich alternde Gesellschaft dieses Personal kosten? Das Ringen um Finanzierungssysteme ist in vollem Gang, auf allen Ebenen. Bei der neuen ärztlichen Bedarfsplanung mussten die Psychotherapeuten jüngst eine Niederlage hinnehmen. Sie hatten 4000 neue Praxen gefordert; der zuständige Bundesausschuss einigte sich am Ende auf bundesweit 1300 zusätzliche Kassenzulassungen.

„Zeit für psychische Gesundheit“ nannte sich ein Aktionsbündnis von Psychiatrieverbänden, das dazu aufrief, den Patienten mehr Zeit zur Genesung einzuräumen und mehr Personal bereitzustellen. Ehrlicherweise muss man sagen: Die Forderung nach „Zeit“ ist hübsch formuliert – es geht einfach auch um Geld.

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