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Meinung Gegen den Wind
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22:10 19.07.2010
Von Reinhard Urschel
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Einer davon, er ist eingestandenermaßen nicht ganz stubenrein, lautete: „Reformen in der Bildungspolitik sind wie Pinkeln gegen den Wind. Man verschafft sich zwar Erleichterung – aber man macht sich auch die Hose nass.“

Remmers, das muss man noch erwähnen, hatte es nicht leicht in seiner Partei. Er stand da öfter gegen den Wind, weil er bestehende Reformen verteidigt hat gegen die Gegenreformatoren, sogar die schlecht beleumundete Orientierungsstufe. Und er hat für die Gesamtschule gekämpft, weil er der Auffassung war, dass man dem Schulwesen nach zwar notwendigen, aber teilweise chaotisch verlaufenen Veränderungen der sechziger und siebziger Jahre Zeit lassen müsse, sich zu entwickeln. „Ein Gärtner gräbt einen neu gepflanzten Baum auch nicht jede Woche aus, um nachzuschauen, ob er anwächst.“ Auch das ist ein Satz von Remmers.

In Hamburg stehen die Schulreformer der CDU und der Grünen seit Sonntag mit ziemlich feuchten Hosen da. Sie haben, gegen den offensichtlichen Willen der Elternschaft, eine Reform durchzudrücken versucht, weil sie ihnen notwendig erschien angesichts der mittelmäßigen Ergebnisse bei Pisa-Tests, des Rückgangs der Schulanfängerzahlen und des wachsenden Anteils von Schülern mit Migrationshintergrund.

Kinder aufteilen – aber wann und wie?

Auch in Berlin (Rot-Rot), Hamburg (Schwarz-Grün) und im Saarland (Jamaika) wird derzeit an der Schulstruktur herumgebaut. In Nordrhein-Westfalen (nach Schwarz-Gelb nun Rot-Grün plus x) sollen Reformen rückgängig gemacht werden. Vorbild ist überall das skandinavische Modell, weil dort die Pisa-Elite zur Schule geht. Die Kinder werden fünf (Saarland) oder sechs Jahre (Berlin und Brandenburg) in einer Primarschule unterrichtet, darauf sollen möglichst nur zwei Säulen aufbauen. Das Zwei-Säulen-Modell ist nach der Wende in Mode gekommen, in Ostdeutschland ist es entstanden. Eine Säule ist das Gymnasium, das durch die Umstellung auf das G-8-Abitur ziemlich durchgerüttelt worden ist, die andere Säule heißt in Hamburg Stadtteilschule, in Berlin Sekundarschule, in Rheinland-Pfalz Realschule plus, in Sachsen Mittelschule.

In Nordrhein-Westfalen sollen nach dem Willen der neuen Regierung bis 2015 möglichst 30 Prozent der weiterführenden Schulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Allen gemeinsam ist der Gesamtschulcharakter mit innerer Differenzierung. Allerdings erweckt das Ganze den starken Eindruck, dass jeder Kultusminister es besser machen will als sein Nachbar. In Wirklichkeit macht es nur jeder anders.

Die Zeiten sind vorbei, da aus den Hauptschulen die Handwerker kamen, aus der Realschule der mittlere Beamte und Büromensch und aus den Gymnasien sich der akademische Nachwuchs rekrutierte. Weil nun aber Kinder – daran haben 40 Jahre Bildungsreform in Deutschland nichts ändern können – für unterschiedliche Dinge begabt sind, unterschiedlich schnell lernen und mit unterschiedlichen Lernergebnissen zufrieden sind, müssen sie irgendwann auf die unterschiedlichen Schultypen aufgeteilt werden. Wann und wie das am besten geschehen soll, wird umstritten bleiben, solange es unterschiedliche Kinder gibt.

Es gibt Wichtigeres als die Struktur

In Niedersachsen hat man das Aufteilen lange mit der Orientierungsstufe probiert, die einen über zwei Jahre gestreckten und geschmeidigen Übergang versprach. Das ging eine Weile leidlich gut, obwohl man sich auch da etwas vorgemacht hat. Denn dass im A-Kurs die Schlauen und im C-Kurs die Doofen waren, haben nicht nur die Bösen unter den Schülern so ausgedrückt. Mit dem Rückgang der Schülerzahlen und auf dem platten Land war die selbstständige OS am Ende. Angebunden an die Grundschule entsprach sie dem Berliner Modell, angebunden an die weiterführende Schulen ging sie im Gymnasium oder in der Gesamtschule auf.

Die Eltern aus Hamburg haben jetzt gegen die sechsjährige Primarschule gestimmt, doch dieses Votum richtet sich weniger gegen das gemeinsame Lernen als gegen die fortdauernden Strukturreformen an den Schulen. Wenn man im Schulwesen hierzulande einen Patienten sieht, dann muss man ihm mehr Ärzte und Pfleger, sprich Lehrer und vielleicht Sozialarbeiter schicken. Die Kultusminister tun so, als ob es genüge, öfter mal das Krankenhaus umzubauen.

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