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Generation Tigerente

Reinhard Urschel über Deutschland nach der Wahl Generation Tigerente

Eine Gesellschaft verändert sich, aber wie und wohin, lässt sich so leicht nicht erkennen. Um eine Antwort zu finden, ist es keine Schande, den Boulevard um Nachhilfe zu bitten. Dort geht es leichter, die Dinge beim Namen zu nennen.

„Wahlsieger Westerwelle – sein Mann macht ihn so stark“, hat „Bild“ getitelt nach dem Triumph der FDP. Man stelle sich einen Augenblick vor, eine solche Schlagzeile wäre vor der Bildung der letzten schwarz-gelben Koalition 1982 erschienen. Die Nation wäre zusammengezuckt vor Schreck. Damals lag es noch außerhalb jeder Vorstellungskraft, dass sich ein bekennender homosexueller Vorsitzender der FDP mit einer protestantischen, ostdeutschen Vorsitzenden der christlich-demokratischen Partei Deutschlands im Kanzleramt zu Koalitionsverhandlungen treffen könnte. Die geistig-moralische Wende, die Helmut Kohl den Deutschen damals versprochen hatte, ist tatsächlich eingetreten, aber anders, als Kohl und die Seinen sich das gedacht hatten.

Die Wähler in Deutschland haben für einen Regierungswechsel gesorgt, der zwar die politische Landschaft neu ordnet, den aber niemand mehr zu einer historischen Zeitwende überhöhen könnte, ohne dass man ihm zurufen würde: Geht es nicht eine Nummer kleiner mit dem Pathos? Wir leben in anderen Zeiten! Weshalb soll der Wechsel eines Koalitionspartners einen Umbruch auslösen, wo die modernen Zeiten uns Umbrüche beinahe täglich bescheren?

Als 1982 die Linke in Deutschland aus der Regierung gedrängt wurde und 1983 die Wähler dann Helmut Kohl den Regierungsauftrag erteilten, waren die klassischen Milieus noch vorhanden, in die die politischen Parteien ihre Anker setzen konnten. Mit dem Verschwinden dieser Milieus, beschleunigt durch den Fall der Mauer vor 20 Jahren, hat sich in der Gesellschaft ein Wertewandel vollzogen. Das hängt zusammen mit dem Wandel der Industriegesellschaft, mit der Migration, mit dem Auseinanderbrechen von Familien. Ein Teil, den man das Prekariat genannt hat, nimmt gar nicht mehr teil an der Entwicklung der Gesellschaft. Vor allem aber lassen sich die Deutschen nicht mehr mit Etiketten behängen: die konservativen, die christlichen (vornehmlich katholischen), die liberalen, die vom Status der Klassenpartei befreiten sozialdemokratischen Kräfte sind heute nicht mehr so einfach als solche auszumachen.

Mag Kohl damals mit seinem Versprechen einer geistig-moralischen Wende daran gedacht haben, die Achtundsechziger und ihre Vorstellungen von Gesellschaft und Staat auf dem Friedhof der Ideologien zu bestatten, dann war dies ein folgenschwerer Irrtum. Die Achtundsechziger haben es 1998 doch noch an die Macht geschafft und als Altachtundsechziger die Gesellschaft tatsächlich nachhaltig verändert. Doch obwohl das Land von dem frischen Wind der rot-grünen Jahre profitiert hat, trägt das zugrunde liegende Gesellschaftsmodell heute schon wieder nicht mehr. Die Linke ist in den letzten Jahren in eine kulturelle Ideen- und Harmlosigkeit gesunken, aus der heraus es keine Antworten auf die Widersprüche der globalisierten und aufgeklärten Gesellschaft gab. Oskar Lafontaine hat sein Arbeitermuckertum gepflegt, die SPD hat nicht kapiert, dass es nicht mehr ausreicht, jene anzusprechen, die als Ausweis für das Linkssein ihre Kinder in die Gesamtschule schicken, sich Sonnenkollektoren aufs Dach schrauben und Tofu im Kühlschrank bereithalten. So leben längst auch Christdemokraten, Liberale und Grüne sowieso.

Die verbreitete Verwunderung über den Aufschwung der Liberalen hängt damit zusammen, dass sich die Funktionsträger der Gesellschaft keinem Milieu mehr zugehörig fühlen. An der Börse würde man sagen, sie verhalten sich volatil. Die Jungen, die sich der digitalen Boheme zurechnen, laufen bereitwillig über zu Westerwelle, die härteren Junkies steigen gleich zu den Piraten ins Schlauchboot. Westerwelles Anziehungskraft besteht, jenseits persönlicher Sympathiewerte, darin, dass er für eine Gesellschaft steht, die geprägt wird von der „Generation Tigerente“, wie sie der Publizist Robin Alexander getauft hat. Das ist die Generation der zwischen 1965 und 1980 Geborenen, die aus seiner Sicht das neue Bürgertum stellen. Ihnen schwebt wohl eine bürgerliche Idylle vor, aber eine, die alternativ tickt: „Konservative, aber nicht im Sinne der Union.“ Man könnte es auch andersherum sagen. Sie sind durchaus progressiv, aber eben nicht im Sinne von SPD und Linkspartei. Man muss eben genau hinschauen: Die Tigerente, wie ihr Schöpfer Janosch sie gezeichnet hat, ist nicht einfach schwarz-gelb gestreift. Sie fährt auf grünen Rädern.

Weil das so ist, bedeutet der Wechsel zu Schwarz-Gelb für dieses Mal auch keine Wende in ein anderes Gesellschaftsmodell, sondern ist – im besten Fall – der Startpunkt für einen spannenden Wettstreit: Welches wird das Gesellschaftsmodell für das 21. Jahrhundert? Zur Wahl stehen ein eher wirtschaftsliberales oder ein ökologisch-soziales. Und wie das so ist bei widerstreitenden Ideologien, stellt sich auch gleich die Frage nach dem dritten Weg. Die Volksparteien, die einst die Schlachtschiffe waren auf den Wellen des Zeitgeistes, finden keine Leuchttürme mehr, an denen sie sich orientieren können. Das Gesellschaftsbild der CDU sieht doch in der Familien- und Frauenpolitik, gegenüber Migranten und Homosexuellen heute kaum anders aus als das der Liberalen und der linken Mitte. Wer aber orientierungslos ist, und sei es nur zeitweise, hinkt dem gesellschaftlichen Fortschritt hinterher. So erklärt sich die Stärke der kleinen Parteien: Sie sind wendiger im Meer der Zeit und taugen besser als Rettungsboote für die Schar der Enttäuschten, der Protestler und Bürgerinitiativen in eigener Sache.

Viele aus der Generation, die Deutschlands Zukunft auf ihren Schultern tragen, scheren sich keinen Deut darum, ob sie „links“ oder „konservativ“ sind. Das hängt damit zusammen, sagen die Soziologen, dass die wenigsten von ihnen einem geschlossenen Weltbild anhängen. Sie streiten, wenn sie streiten, nicht für eine Weltanschauung, sondern für ihr persönliches Lebensziel. Die Politiker werden nur wahrgenommen als Verwalter des Volkswillens. Als solche müssen sie jetzt vor allem um Vertrauen werben.

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