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Gnadenloses Großbritannien

Analyse zur Flüchtlingspolitik Gnadenloses Großbritannien

Wann hat Großbritannien sein Mitgefühl verloren? Während Premierminister David Cameron eine scharfe Rhetorik bemüht, hetzt ein Großteil der britischen Presse auf teilweise beschämende Art gegen die Menschen. Eine Analyse von Katrin Pribyl.

Wann hat Großbritannien sein Mitgefühl verloren? Wann wurde aus dem liberalen Land ein Staat, in dem Flüchtlinge als Schnorrer bezeichnet und mit Insekten gleichgesetzt werden? Warum will das auf die eigene Vergangenheit so stolze Königreich vergessen, wie es verfolgten Juden oder flüchtenden Afrikanern ein neues Zuhause gegeben hat? „Großbritannien ist kein sicherer Hafen für Migranten“, sagt Premierminister David Cameron und kündigt härtere Maßnahmen gegen illegale Einwanderung an. Abschreckung lautet seine Lösung in der Krise. Als ob sich Menschen, die von Verzweiflung getrieben sind, durch höhere Zäune und mehr Hundestaffeln aufhalten ließen. Oder von strengeren Regelungen bei der Wohnungssuche auf britischem Boden.

Viele der fast 3000 Menschen, die in Calais auf die Weiterreise nach Großbritannien hoffen, haben Terror, Krieg, Elend und politische Repression hinter sich. In Syrien und im Irak. Im Sudan und in Eritrea. Vor dem Eurotunnel, dem Nadelöhr der Flüchtlinge auf der letzten Etappe ihrer Reise, haben sie keine Angst. Aber ein Eldorado erwartet sie im Königreich keineswegs.

Während Cameron eine scharfe Rhetorik bemüht, hetzt ein Großteil der britischen Presse auf teilweise beschämende Art gegen die Menschen. Die Boulevardzeitung „Daily Mail“ schrieb: „Wir haben Hitler am Einzug gehindert. Warum schaffen es unsere kläglichen Politiker nicht, ein paar Tausend erschöpfte Flüchtlinge abzuwehren?“ Ein anderes Blatt forderte: „Setzt die Armee ein.“ Die Rechtspopulisten um Nigel Farage, Chef der Anti-EU-Partei Ukip, nehmen diese Steilvorlagen gerne auf und setzen auf Panikmache. Dabei beantragten in den ersten vier Monaten dieses Jahres nicht einmal 10 000 Menschen Asyl in Großbritannien. Die Krise am Ärmelkanal ist lediglich ein Teil im Gesamtpuzzle dieser humanitären Katastrophe, die sich seit Jahren in Europa abspielt.

Nicht jeder Brite unterstützt den harten Kurs der Regierung in der Flüchtlingspolitik. Aber das Mitleid vieler Zeitgenossen gilt leider oft nicht den Flüchtlingen, sondern den Urlaubern und Verkehrsteilnehmern, die am Eingang des Ärmelkanaltunnels blockiert werden. London sträubt sich gegen eine Quoten-Regelung. Downing Street gibt vor, dass das Flüchtlingsproblem kein britisches ist. Sollen es doch andere lösen.

Cameron und Co. vergessen dabei, dass sie ihren Stacheldraht nicht gegen Kriminelle, sondern gegen Hilfsbedürftige einsetzen. Und dass Europa eine gemeinsame Antwort auf die große Herausforderung finden muss. Gestern hat Brüssel die Hilfszahlungen an London für die Unterbringung von Flüchtlingen aufgestockt – ein Zeichen der Solidarität ebenjener Staatengemeinschaft, die in Großbritannien gerade nicht hoch im Kurs steht. Ohne Europa, das muss auch London erkennen, wird der Alltag nicht leichter. Doch zuallererst wären Mitgefühl und Menschlichkeit angebracht.

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