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22:28 14.01.2011
Von Johanna Di Blasi

Im Zuge der rasanten Entwicklungen im Internet, insbesondere bei den sogenannten sozialen Netzwerken, drängt sich nun aber ein anderer Blick auf massenhafte Aktivitäten auf. Massengebilde, zu denen sich im Internet Vereinzelte virtuell zusammenschließen, entwickeln mitunter eine erstaunliche Schwarmintelligenz (crowd intelligence) und erhebliche Selbstorganisationsenergien.

Bestes Beispiel ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Fast jeder kennt und nutzt heute das von Freiwilligen erstellte Lexikon, mitunter sogar mehrmals am Tag. Wikipedia hat den Beweis erbracht, dass ein anonymes, via PC verbundenes Kollektiv sinnvolle Inhalte erstellen kann. Man möchte kaum glauben, dass das kostenlose Wissensportal noch im Kindesalter ist: An diesem Wochenende feiert Wikipedia zehnten Geburtstag. Am 15. Januar 2001 ist die englische Ausgabe freigeschaltet worden, zwei Monate später kam die deutsche Version.

An den 32 Bänden des Grimm’schen Wörterbuches wurde 123 Jahre lang geschrieben, von 1838 bis 1961; und dann wurde sogleich mit der Neubearbeitung begonnen. Mit Wikipedia hat sich in nur zehn Jahren ein gigantisches Lexikon herauskristallisiert, das alle bisherigen Dimensionen sprengt. Zum Vergleich: Die 32 Bände der Encyclopaedia Britannica umfassen 44 Millionen Wörter, der 30-bändige Brockhaus 33 Millionen, allein die englischsprachige Wikipedia-Version aber hat schon eine Milliarde Wörter, die deutschsprachige knapp 500 Millionen.

In Deutschland sah sich Wikipedia anfangs gebremst: durch das hierzulande herrschende grundsätzliche Misstrauen gegenüber allem Neuem und Unbekannten. Statt Potenzialen werden eher Probleme gesehen. Statt neue Kontinente zu erobern und sich auf Goldsuche zu begeben, verlegt man sich gern auf vorauseilende Schwarzmalerei. Was wurde nicht alles gegen Wikipedia eingewandt? Das Onlinelexikon verführe die Jugend zu ungeprüftem Wissenskonsum, hieß es, die Wissenskultur insgesamt verlottere. Emphatisch wurde davor gewarnt, aus Wikipedia zu zitieren. Inzwischen erkennen auch akademische Kreise die wachsende Qualität der Enzyklopädie an.

Neues Feindbild ist Facebook. In dem 2004 in den USA gegründeten Netzwerk schließen sich „Freunde“ (persönliche Bekannte und Unbekannte) kurz und tauschen sich über ihr Privatleben und ihre Vorlieben aus. Im Unterschied zum Non-Profit-Unternehmen Wikipedia, dessen Schreiber keine Signaturen hinterlegen, lebt Facebook von der Personalisierung. Aber auch hier wiegt die Masse – an Nutzern und Informationen. Das machte in den ersten Januartagen die Nachricht deutlich, die US-Bank Goldman Sachs sei mit 450 Millionen Dollar bei Facebook eingestiegen und erwarte lukrative Geschäfte.

Kritiker verleihen Facebook schon dämonische Züge: In der „Quasselbude“ würden arglos private Daten bis hin zum aktuellen Aufenthaltsort ausgebreitet, während Spähfirmen zur Rundumbeäugung ansetzten. Freilich sollte man auf Facebook nicht unbedingt die politische Einstellung preisgeben oder das aktuellen Einkommen. Bei sorgsamer Nutzung aber bietet die gesellige Plattform die Möglichkeit, Onlineangebote gefiltert durch „Freunde“ zu sondieren. Die Menschen rücken zusammen, das schafft Orientierung auf einem verwirrend weiten Feld.

„Gut“ und „böse“ freilich lassen sich im Netz, wie auch sonst in der Geisterwelt, schwer trennen. Wikipedia etwa interessiert sich anders als Google oder Ebay nicht für die Daten seiner Nutzer, doch man betritt das Netzwerk in der Regel über Google, den größten Wikipedia-Sponsor. Bei der Google-Suche erscheint Wikipedia automatisch weit vorn.

Bislang stellte das Internet im Grunde einen chaotischen Haufen von Informationen, Hinweisen und Spinnereien dar. Rechner durchkämmten es stupide nach Stichwörtern. Dank Wikipedia, Facebook und ähnlichen Plattformen des sogenannten Web 2.0 aber organisiert sich jetzt das Netz. Die Potenziale sind derzeit kaum abzusehen. Für einiges Aufsehen sorgte vor ein paar Tagen der namhafte US-Investor Matt Cohler. Er riet ResearchGATE, eine Art Facebook für Wissenschaftler mit 700.000 Teilnehmern, das als GmbH in Hannover gemeldet ist, seine Zentrale statt ins teure Silicon Valley von Boston nach Berlin zu verlegen. Könnte Deutschlands Hauptstadt zum neuen Start-up-Mekka werden? So oder so empfiehlt sich: positives Denken.

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