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Hässliches Europa, 
helles Europa

Flüchtlingskrise Hässliches Europa, 
helles Europa

Die Debatte über die Flüchtlingskrise ist an einem neuen Wendepunkt angekommen: Die politischen Entscheidungen werden weniger von Zahlen und Fakten bestimmt. Es sind die Bilder dieses Flüchtlingsdramas, die eine eigene Macht entfalten – und die Regierungen und Behörden zum Handeln zwingen. Ein Leitartikel von Jörg Kallmeyer.

Das Bild des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi trug dazu bei, dass die bislang so hartherzige britische Regierung in der Asylfrage weich wird. Die Bilder der Flüchtlinge, die von der ungarischen Polizei im Niemandsland ausgesetzt werden und die sich zu Fuß auf den Weg nach Norden machen, lassen niemanden ungerührt in einem Land, dessen Geschichtsbücher voll sind mit Bildern von Flüchtlingstrecks. Das alte Europa blickt voller Schrecken auf das neue Europa im Osten. Ungarn hat nicht einmal versucht, anständig mit den Menschen umzugehen, die über seine Grenzen kommen. Soll das wirklich das Europa sein, dem die Zukunft gehört?

Nein, das soll und darf es nicht. Diese Antwort hat Deutschland am Wochenende in einer zutiefst beeindruckenden Weise gegeben. Es war ein Gebot der Menschlichkeit, die Grenzen zu öffnen. Die Deutschen, die in München, Dortmund oder Hamburg zu Bahnhöfen geeilt sind und dort klatschend Spalier standen, leisten mehr als nur einen Willkommensgruß an Menschen, die einen langen und beschwerlichen Weg hinter sich haben. Sie setzen ein eigenes Bild gegen die beklemmenden Szenen rund um den Bahnhof in Budapest. Wir, so lautet die Botschaft der Helfer, bestimmen selbst, wie Europa aussieht.

In Brüssel, London und Paris wird man sich diesen Bildern nicht entziehen können. Der Druck, Flüchtlinge gerecht in Europa zu verteilen, ist immens gewachsen – die Regierungen sind zu einer Lösung gezwungen, genauso wie in der Finanzkrise, als die Banken ins Wanken gerieten. Damals wie heute gilt: Entweder man schafft eine gemeinsame Lösung – oder die Staaten gehen für sich ein Risiko ein, das nicht mehr beherrschbar ist.

Europa hat sich oft erst in letzter Minute zusammengetan. Vor allem den Staaten im Osten fehlt die Erfahrung des Drucks, der in Brüsseler Nächten entfaltet werden kann. Man muss sich den Zynismus eines Viktor Orbán nicht bieten lassen, der meint, die Flüchtlingsfrage sei ein „deutsches Problem“. Europa ist immer ein Prozess des Gebens und Nehmens. Für die neuen Staaten Europas ist jetzt die Zeit gekommen, einen Beitrag zum Gelingen Europas zu leisten.

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