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Herzlich Willkommen, Obama!

Analyse zum Besuch des US-Präsidenten Herzlich Willkommen, Obama!

Straßensperrungen, eilige Bauarbeiten, Routenplanungen in dreifacher Ausfertigung und in allem Ernst ausgesprochene Winkverbote strapazieren die Nerven so mancher Hannoveraner. Und trotzdem ist es gut, dass US-Präsident Barack Obama in die Landeshauptstadt kommt.  Eine Analyse von Hendrik Brandt.

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Quelle: dpa

Hannover. Die US-Amerikaner haben auch für bedeutungsschwere Vorgänge manchmal erfrischend schlichte Begriffe. Wenn ihr Präsident irgendwo hinfahre, so heißt es in Washington lakonisch, dann gebe es nun einmal einen „big footprint“. Hannover erlebt in diesen Tagen, was damit auch gemeint ist: Straßensperrungen, eilige Bauarbeiten, Routenplanungen in dreifacher Ausfertigung und in allem Ernst ausgesprochene Winkverbote. Hektische Betriebsamkeit und Vorfreude bei den Honoratioren - sowie das Klagelied der üblichen Nörgler, die alles zu anstrengend und zu teuer finden (und am Ende zumeist doch stolz vom prominenten Besuch in der Stadt berichten werden). Hannover ist nach Expo und schröderscher Kanzlerschaft im großen, internationalen Politikgeschäft ein wenig aus der Übung gekommen - Barack Obama ändert das auf einer seiner Abschiedstouren. Gut so.

Zumal sein Besuch wohlbegründet ist. Obamas Visite gilt zunächst einmal der Messe. Sie zeigt, dass die Industrieschau, die den Namen der Stadt trägt und lange im Schatten ihrer Tocher Cebit stand, längst wieder ein internationaler „place to be“ ist. Wer hier nicht vorbeisieht, verpasst Themen und Trends der nächsten industriellen Revolution, die mit dem Schlagwort „Digitalisierung“ nur oberflächlich beschrieben ist. Derzeit ändern sich ja nicht nur die Produktionsweisen grundlegend, sondern zugleich auch die Produkte selbst. Das Auto ist hier das beste Beispiel - aber auch, wer heute Heizkessel, Werkzeugmaschinen oder auch nur Lampen baut, steht unter einem gewaltigen Veränderungsdruck. Von den neuen Produkten, die durch die Digitalisierung erst möglich werden, gar nicht zu reden. Wer da mitspielen will, kommt an Hannover nicht vorbei. Die Amerikaner, in der Industrie nicht überall ganz vorn, entdecken die Messe daher gerade neu.

Obama wird also für seine Wirtschaft etwas mitnehmen. Und er will es ihr in Hannover zugleich leichter machen, indem er Handelsschranken abzubauen und Produktvorschriften anzugleichen sucht. Das steckt neben vielem anderen in der Idee eines Freihandelsabkommens zwischen Europa und den USA, das sich hinter dem Kürzel TTIP verbirgt und für das der Präsident werben wird. Das Projekt ist jedoch auf allen Seiten nicht besonders populär. In Hannover wollen heute Zigtausende gegen dieses Abkommen protestieren - und auch jenseits des Atlantiks steht politisch kaum noch jemand an Obamas Seite, wenn die Rede auf eine weitere Liberalisierung der weltumspannenden Wirtschaftsströme kommt. Zwar fürchten viele Amerikaner eher ein entsprechendes Abkommen mit sehr viel ärmeren Ländern im pazifischen Raum - aber auch für TTIP würde derzeit nicht einmal Obamas Parteifreundin Hillary Clinton die Hand heben. Und Nationalist Donald Trump schon gar nicht. Große Veränderungen werden nicht leichter, wenn man bald aus dem Amt scheidet - das ist bei US-Präsidenten nicht anders als sonst auch.

Dennoch wird es an diesem Wochenende nicht nur organisatorisch beim „big footprint“ bleiben. Viele Deutsche haben gerade diesen Präsidenten, haben den dunkelhäutigen Barack Obama aus Illinois im Herzen mitgewählt. Manche mag er enttäuscht haben, aber nicht wenige werden sich freuen, dass er nun noch einmal hier ist. In Deutschland, in Hannover. Herzlich willkommen!

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