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IG Metall ist Teil der VW-Krise

Leitartikel IG Metall ist Teil der VW-Krise

Auf ihrem Gewerkschaftstag in Frankfurt müssen sich die IG-Metall-Größen auch der Frage stellen, ob „Dieselgate“ wirklich nur die Krise der anderen ist. Schließlich hat die IG-Metall VW als Musterfall der Mitbestimmung vorgeführt und die „VW-Kultur“ gepriesen – in guten Zeiten.  Eine Analyse von Stefan Winter. 

Ihre offizielle Sicht auf den VW-Skandal hat die IG Metall schnell gefunden: Die Abgasmanipulation haben Manager zu verantworten, die normalen Arbeitnehmer dürfen nicht leiden. „Wir zahlen nicht für eure Krise“, ist das Motto des scheidenden Gewerkschaftsvorsitzenden Detlef Wetzel. Mal abgesehen davon, dass man sich die Folgen von Krisen nicht aussuchen kann: Auf ihrem Gewerkschaftstag in Frankfurt müssen sich die IG-Metall-Größen auch der Frage stellen, ob „Dieselgate“ wirklich nur die Krise der anderen ist. Schließlich hat die Gewerkschaft VW als Musterfall der Mitbestimmung vorgeführt, ihren Anteil am Erfolg reklamiert und die „VW-Kultur“ gepriesen – in guten Zeiten. Jetzt sind die Zeiten schlecht, und Betriebsratschef Bernd Osterloh sieht sich plötzlich als Treiber des Kulturwandels. Als habe er mit den verkorksten Verhältnissen nichts zu tun.

Die Metaller in Frankfurt dürften dem Kollegen aus Wolfsburg einige Fragen stellen. Die VW-Krise brockt schließlich vielen Betrieben ernste Probleme ein. Außerdem drängt sie andere wichtige Themen an den Rand. Vor allem aber setzt sie unverhofft das Selbstverständnis der Gewerkschafter auf die Tagesordnung. Die Frage, warum er von den Manipulationen nichts geahnt habe, kann man Osterloh mit dem gleichen Recht stellen wie dem rausgeworfenen Konzernchef Martin Winterkorn. Und beide sind verantwortlich für eine Atmosphäre, in der selbst Topmanager unangenehme Wahrheiten lieber für sich behielten. Den Konflikt mit ihrem Chef scheuten die Manager genauso wie den mit dem heimlichen Herrscher – und das war Osterloh spätestens seit dem Zerwürfnis Winterkorns mit Ferdinand Piëch. So, wie der Betriebsrat mit seinen Verbindungen zum Topmanagement und den Konzerneigentümern agiert, hat er das Klima von Unsicherheit und Angst befördert – und der Mitbestimmung keinen Gefallen getan.

Die IG Metall hat also allen Anlass, über die Unterschiede zwischen Mitbestimmung und heimlicher Herrschaft zu diskutieren, über funktionierende Kontrolle und klare Zuordnung von Verantwortung. Das ist umso schwieriger, weil die einstigen Hardliner im Gewerkschaftslager gerade erst zu einem pragmatischeren Kurs gefunden und damit einige Erfolge eingefahren haben. Die IG Metall gehört zu den wenigen Gewerkschaften mit steigender Mitgliederzahl, die Tarifrunden liefen erfolgreich, und die Kollegen bei IG BCE und Verdi sehen daneben bisweilen alt aus. Heute soll mit Christiane Benner sogar erstmals eine Frau den stellvertretenden Vorsitz übernehmen. Da fällt kaum noch auf, dass der neue Vorsitzende Jörg Hofmann zwar hochkompetent, in der Öffentlichkeit aber ähnlich blass ist wie sein Vorgänger. Nun wird das neue Duo schnell Profil gewinnen müssen. Denn jetzt haben alle in der Gewerkschaft Oberwasser, die schon immer skeptisch auf das „VW-Modell“ und die „Arbeitnehmermanager“ geschaut haben.

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