Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Immer Stress mit den USA

Analyse Immer Stress mit den USA

Die Deutschen sind immer klüger. Sie erlauben sich den Luxus, erst mal den Ausgang der Dinge abzuwarten - und dann ihre Noten zu verteilen. Das wird Washington ihnen in Zukunft nicht mehr durchgehen lassen. Eine Analyse von Matthias Koch.

Hannover. Die Psychologenvereinigung der USA gab den Amerikanern dieser Tage einen Tipp: Sie sollten mal tief durchatmen und sich darauf besinnen, dass das Leben auch nach dem 8. November weitergeht. Eine Umfrage hatte ergeben, dass 52 Prozent der Amerikaner die Präsidentschaftswahl und die Medienberichterstattung als „ernsthafte Quelle von Stress“ in ihrem Leben empfinden.

Auch den Deutschen würde es guttun, einen Gang zurückzuschalten. Allzu oft schon haben viele hierzulande mit Blick auf die USA Maß und Mitte verloren. Als Ronald Reagan in den Achtzigern Laserwaffen fürs Weltall entwickeln ließ, glaubten viele, nun sei der Krieg der Welten nicht mehr fern. Von den Titelseiten deutscher Magazine grüßte Reagan als düsterer Darth Vader. Doch dann folgte nicht die Explosion des Planeten, sondern der leise Aufstieg Michail Gorbatschows - und der Fall der Mauer.

Die Weltpolitik ist komplex, oft auch paradox. George Bush senior etwa war ein US-Präsident ohne große Visionen, mit schief sitzender Brille und verlegenem Lächeln. Doch ausgerechnet ihm gelang es, die Welt in der komplizierten Phase nach dem Mauerfall neu zu ordnen, friedlich, auf sehr kluge Art.

Umgekehrt führen hehre Pläne längst noch nicht zum guten Resultat. Im Sommer 2008 umringten an der Berliner Siegessäule 200 000 deutsche Fans den US-Präsidentschaftsbewerber Barack Obama wie einen Heiland. Der Hochgelobte aber konnte, wie man inzwischen weiß, das Abrutschen der Welt Richtung Syrienkrieg, Flüchtlingskrise und Nationalpopulismus nicht verhindern.

Es ist Zeit, den Gedanken zuzulassen, dass die USA weder der Quell allen Übels sind noch der globale Heilsbringer. Gestehen wir ihnen doch einfach zu, dass sie als Supermacht oft in Situationen geraten, in denen es keine einfache Entscheidung gibt. Bill Clinton beendete mit Gewalt im Jahr 1999 das Morden im Kosovo. War das nun falsch oder richtig? Ja, der überstürzte Einmarsch im Irak unter George W. Bush war ein Fehler. Und ja: Der überstürzte Abzug unter Obama war falsch, er hinterließ ein Machtvakuum, dies half dem „Islamischen Staat“.

Die Deutschen sind immer klüger. Denn sie erlauben sich den Luxus, erst mal den Ausgang der Dinge abzuwarten - und dann ihre Noten zu verteilen. Genau diese Zuschauerhaltung aber wird Washington ihnen in Zukunft nicht mehr durchgehen lassen, auch nicht unter einer Präsidentin Hillary Clinton. Was sagt Berlin, wenn Clinton Flugverbotszonen in Syrien durchsetzen will, auch um den Preis einer Krise mit Russland? Die Wahrheit ist: Es wird, egal wer gewinnt, immer Stress geben mit den USA.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung