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Ist der Brexit ansteckend?

Analyse zum Austrittsvotum Ist der Brexit ansteckend?

Die Briten haben sich mehrheitlich für den Austritt aus der EU entschieden. Was bedeutet das jetzt für Europa? Ist das Zusammenleben der Nationen unter dem Dach der europäischen Flagge nicht mehr attraktiv genug? Eine Analyse von Hendrik Brandt.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Hannover. Langsam legt sich der Staub, den die Briten in der Nacht zum Freitag in Europa aufgewirbelt haben. Zum Vorschein kommt wenig Ansehnliches. Trümmer von Idealen, Investitionen und Karrieren sind zu sehen - und vor allem ein gewaltiger Berg an Fragen. Wie etwa konnte es dazu kommen, dass die älteren und ärmeren Briten ihr Land aus dem europäischen Verbund herauskatapultieren, den die Jüngeren und Wohlhabenden doch so sehr wollen und brauchen? Warum hat die Angst über die Zuversicht gesiegt? Und ist das womöglich ansteckend?

Die Antwort hat einen simplen Kern: Jene, die den Brexit jetzt durchgesetzt haben, sind schlicht in der Mehrheit. Das übersehen zu haben ist das größte Versagen der britischen Politik. Diese Mehrheit mag sich nicht aus den aktiven Gestaltern der Gesellschaft zusammensetzen, sie steht selten im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung - aber hat am Ende doch die Macht. Zumindest, wenn es darum geht, etwas zu verhindern, was ungerecht, unheimlich und hier oder da auch einfach nur ungeliebt erscheint. Es gibt hierbei gewiss eine besondere britische Komponente - dieses Phänomen jedoch ist in der ganzen westlichen Welt zu beobachten.

Immer seltener zählen Argumente und Fakten, immer öfter gibt es bis weit ins Bürgertum einen umstürzlerischen Impuls gegen „die da oben“. Manche Experten sprechen schon von „post factual societies“. Nicht überall reicht diese Stimmung schon zur Mehrheit; aber die Stärke vor allem der Nationalpopulisten von Trump über Le Pen und Hofer zeigt, wohin die Reise vielfach geht. Die deutsche AfD eifert diesen Vorbildern schon nach.

Natürlich hatte die Bundeskanzlerin Recht, wenn sie gestern wieder die Werte der EU beschwor. Und ja: Diese Gemeinschaft ist ein gewaltiges Friedenswerk. Aber derlei Überbau hilft wenig, wenn er die Situation der Menschen nicht erkennbar verbessert, wenn das Gefühl, fremdbestimmt zu werden und dabei stets zu kurz zu kommen, übermächtig wird. Argumente sind da wichtig - viel wichtiger aber ist glaubhaftes, konkretes Handeln. Dafür steht das EU-Europa nun wirklich nicht.

Bei den Briten ist viel zusammengekommen, was den neuen Sonderweg eröffnet hat. Man sollte sie ihn nun auch zügig gehen lassen - dass schon jetzt erste Nationalisten in London Angst bekommen, mag deren Sorge bleiben. Die übrigen Regierungen aber täten gut daran, jetzt zu Hause nachzuspüren, wie die oft schweigende Mehrheit eigentlich tickt. Sie braucht Europa, profitiert vom einzigartigen Zusammenleben der Nationen unter dem Dach der EU. Aber sie spürt es oft nicht mehr. Wer ändert das?

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