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Jenseits von 
Gut und Böse

Leitartikel Jenseits von 
Gut und Böse

Pastoren haben an diesem Osterwochenende einen ziemlich schweren Job. Terror, Flüchtlingspolitik, die Abschottung Europas – da prallt der Wunsch nach Wohlstandswahrung auf das nackte Menschenrecht anderer. Die Religion kann keine einfachen Antworten auf diese Fragen geben. Ein Kommentar von Michael B. Berger.

Manchmal tun sich auch Theologen mit dem Osterfest schwer. Ein pfälzischer Kirchenmann hat diese Woche die Christen zu einem „Aufstand gegen die Gräber“ aufgerufen. Die Auferstehung Christi zeige, dass der Tod nicht verzweifelt akzeptiert werden müsse, Gott habe Gewalt und Tod durchbrochen. Und mit Blick auf die Opfer der Terroranschläge von Brüssel sagte der Kirchenmann noch: „Wir fliehen nicht, wir schweigen nicht, sondern stellen uns an die Seite der Opfer.“

Aber hilft eine solche fromme Rede weiter? Wer will schon Opfer werden oder sich an die Seite derer stellen, die – warum auch immer – einfach in die Luft gesprengt werden? Taten ohne Sinn und Verstand, aber mit Hass und grenzenloser Selbstverachtung. Da kann der einfach dahingesprochene Satz von Gott, der angeblich Gewalt und Tod „durchbrochen“ habe, selbst maßlos anmuten.

Die biblischen Oster-Erzählungen enthalten eigentlich die ganze Spannbreite menschlicher Möglichkeiten: Sie erzählen von Angst und Treue, Liebe und Verrat, Entfremdung, Tod („mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“) und Auferstehung. Dennoch haben Pastorinnen und Pastoren, die an diesem Wochenende die Osterbotschaft verkündigen, haben einen ziemlich schweren Job. Denn was heißt Auferstehung? Wie soll man sich das vorstellen als Mensch, der nicht an Wunder glauben mag? Leichter ist es da, ins Moralisieren zu verfallen, den Weg des unangepassten Jesus zu zeichnen, der sich mit Autoritäten anlegte, die Nächstenliebe über den Sabbat stellte und selbst mit Prostituierten keine Probleme hatte. So handelt der gute Christ, dem Vorbild Jesu nacheifernd, ein „Gutmensch“ eben, das Unwort des Jahres 2015.

Nun ist gegen Menschen, die Gutes tun, nichts einzuwenden. Wenn sie sich nicht als „Pharisäer“ aufführen und anderen auf die Nerven fallen. Aber leider wird Religion oft mit Moral verwechselt, die nur ein paar einleuchtende Regeln aufstellt, an die sich dann alle halten. Und schon wird alles gut. Oder?

Dabei hat Religion – im Gegensatz zur Moral – mit dem zu tun, was nicht gelingt. Mit Widersprüchen, Entfremdung, moralischen Kalamitäten. Wie weit darf in der Flüchtlingspolitik die Abschottung Europas gehen? Oder: Was hält unsere Gesellschaft an Fremden aus? Wo ist der Anspruch gerechtfertigt, den eigenen Wunsch nach Wohlstandswahrung über das nackte Menschenrecht anderer zu stellen? Schwierige Fragen, bei deren Klärung man sich so oder so schuldig machen kann.

Religion kann auf diese Fragen keine einfachen Antworten geben. Aber sie hält uns an, immer wieder die Frage nach unserer eigenen Verantwortung zu stellen.

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