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Joachim Gauck hat viel geschafft

Analyse Joachim Gauck hat viel geschafft

Joachim Gacuk hat dem Amt des Bundespräsidenten die Würde zurückgegeben. Dass er sich jetzt offenbar zu einem selbst gewählten Abgang entschieden hat, ist da nur passend. Eine Analyse von Dieter Wonka.

Berlin. Wann ist es Zeit zu gehen? Viele Politiker aus der ersten Linie tun sich schwer mit dieser Frage. Allzu lange bleiben viele von ihnen im Zweifelsfall lieber auf der Bühne, genießen weiter das Rampenlicht und die Droge Wichtigkeit - und merken nicht, dass es am Ende nur noch sie selbst sind, die sich für unverzichtbar und alternativlos halten.

Joachim Gauck hat es vermieden, in diese Falle zu tappen. Nüchtern hat er sich selbst und die Lage der Nation betrachtet. Dass das Knie zwickt, war dabei weniger von Belang.

Gauck hat lange analysiert und am Ende alle und alles durchschaut - auch die Motive jener, die sich ihm oft ehrerbietig näherten und ihm sagten, er müsse unbedingt bleiben. Die Chefs von CDU und SPD, Angela Merkel und Sigmar Gabriel, hatten auf die Krisen in Europa gedeutet, das Anwachsen der Rechtspopulisten und den Ansehensverlust der Politik. In dieser besonders schwierigen Lage solle der Bundespräsident einen Beitrag zur Stabilisierung leisten, indem er einfach weitermacht.

In Wahrheit wollten Merkel und Gabriel es nur bequem haben und nicht bei ihrer Ratlosigkeit ertappt werden: Keiner von beiden hatte einen überzeugenden Personalvorschlag für die Gauck-Nachfolge in der Tasche. Nun geraten beide doch in jene Verlegenheit, die sie zu umschiffen versuchten. Gefordert sind jetzt Mut, Fantasie und der Wille der Parteistrategen, sich zu einer riskanten Entscheidung vor der nächsten Bundestagswahl durchzuringen.

Deutschland, das wusste Gauck, steht nicht am Rande des Absturzes in Weimarer Verhältnisse. Die AfD ist nicht „das Volk“. Und er selbst hat als Bundespräsident mittlerweile schon viele Spuren hinterlassen. Das meiste, was er hatte sagen wollen, ist gesagt. Das Alter für den Wechsel in den Ruhestand hat Gauck auch. Es wird Zeit für Neues.

Gauck, der knorrige Protestant aus Mecklenburg-Vorpommern, Quereinsteiger in die Politik, hat viel geschafft im Schloss Bellevue. Er hat kluge Reden gehalten, manche provoziert, einigen die Rote Karte gezeigt. Selten war ein Bundespräsident so politisch wie er, und nicht immer waren seine Positionen angenehm. Im konservativen Lager stießen manche sich von vornherein an dem „rot-grünen Pastor aus Rostock“. Bei SPD und Grünen wiederum rollten viele die Augen, als Gauck nach mehr weltpolitischer Verantwortung für Deutschland rief oder mit überraschender Nüchternheit über Flüchtlinge sprach: „Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Unbestritten bleibt Gaucks zentrale historische Leistung: Nach den missglückten Präsidentschaften von Horst Köhler und Christian Wulff hat er dem höchsten Staatsamt in Deutschland wieder die Würde zurückgegeben, mit hoher moralischer Integrität und hoher intellektueller Autorität. Dazu passt ein würdiger, selbst gewählter Abgang.

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