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22:16 17.01.2011

400 Millionen Euro, so heißt es, habe die Zentralbank außerdem an Auslandskonten überweisen müssen, um dem gestürzten Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali ein auskömmliches Exil zu finanzieren. Es war das filmreife Finale der historischen Wende in Tunesien.

Bewirkt haben diesen Umsturz vor allem die jungen Leute, die ein anderes, ein freieres und ein gerechteres Tunesien wollen. Allein 26 Prozent der Einwohner des nordafrikanischen Landes sind unter 15 Jahren alt. Die „Generation Facebook“ hat, zusammen mit ihren Eltern, diese Revolution begonnen. Noch weiß niemand ganz genau, wie es nun weiter geht. Dennoch darf man schon jetzt etwas Positives festhalten: Die Tunesier dürfen stolz sein, Ben Ali und seine Herrscherclique nach 23 Jahren gestürzt zu haben. Das Land darf jetzt auf eine bessere Zukunft hoffen – trotz aller chaotischen Szenen, trotz aller Trauer um die Toten dieses Volksaufstandes.

Eine Revolution im Hinterhof

Die Regierungen der EU-Staaten halten jetzt den Atem an: Wird Tunesien zu neuer Stabilität finden? Die Risiken liegen auf der Hand. Ein neuer Diktator könnte auf den alten folgen, das Militär könnte die Macht selbst in die Hand nehmen, und auch eine Herrschaft der Islamisten ist nicht auszuschließen. Schon steht die Frage im Raum, ob die bisher massiv unterdrückten Oppositionsparteien überhaupt in der Lage sind, in den schnell für den März anberaumten Wahlen zu bestehen. Und schon wird international gerätselt, ob die Tunesier in freien Wahlen eher den Islamisten, den alten Kräften um die Staatspartei oder einer sozialdemokratisch geprägten Opposition ihre Stimme geben werden.

Sicher hingegen ist, dass die Menschen in dem nordafrikanischen Land derzeit die korrupten Seilschaften teils eigenhändig aus Ämtern und Würden drängen. Keine ausländische Macht führt hier den Taktstock. Im Gegenteil. Fast bis zur letzten Stunde von Ben Ali haben die Europäer angestrengt in die Luft geguckt, allen voran die alte Kolonialmacht Frankreich. Die EU ist überrumpelt worden von den Ereignissen, hat harmlose diplomatische Bemerkungen gemacht und vielleicht sogar bis vor ein paar Tagen noch geglaubt, dass die Unruhen, die im Süden Tunesiens begannen, von Ben Alis Polizisten niedergeschlagen würden. Wahr ist: Die Europäische Union ist mitsamt ihrer papierenen Mittelmeerunion baden gegangen. Eine Revolution hat im „Hinterhof“ der EU stattgefunden – und keiner weiß, ob es die letzte in dieser Region gewesen ist.

Herrscherhäuser von Mauretanien im Westen bis nach Saudi-Arabien im Osten müssen ähnliche Umwälzungen wie in Tunis fürchten. Beobachter werden nicht müde, jetzt mit dem Finger über die Landkarte zu reisen und etwa auch Algerien zu den Umsturzkandidaten zu zählen, vielleicht sogar Ägypten. Richtig ist, dass viele arabische Staaten die individuelle Unfreiheit, die Zensur und Unterdrückung mit dem untergehenden Regime von Ben Ali teilen. Überall in diesen Staaten hat der Gegensatz zwischen Arm und Reich mittlerweile ein obszönes Maß erreicht – und überall besteht die Gefahr, dass Islamisten die Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung für sich ausnutzen.

Eine europäische Erfahrung

Den Europäern sollte bewusst sein, dass das Signal von Tunis eines für den gesamten Maghreb, den „Westen“, in Nordafrika sein könnte. So wie die Polen den historischen Wandel in Mittel- und Osteuropa vor 30 Jahren mit den Unruhen auf der Danziger Leninwerft in Gang setzten, könnte der Aufstand der Tunesier beispielhaft für ihre Region wirken und in einen unterm Strich erfolgreichen Übergangsprozess münden. Gerade die Europäer sollten für eine solche Entwicklung sensibilisiert sein. Heute wie damals haben es jene, die auf Freiheit hinarbeiten, nicht verdient, dass man ihnen mit verschränkten Armen entgegentritt.

In diesen unruhigen Tagen allerdings gilt es zunächst einmal, in Tunesien wieder ein Mindestmaß an staatlicher Ordnung einzurichten. Das wird nicht einfach, weil sich Ben Ali und seine Gefolgsleute den Staat zur Beute gemacht hatten. Die Tunesier werden ihren Weg des Übergangs finden müssen. Und die europäischen Nachbarn jenseits des Mittelmeeres sollten entschlossen dabei helfen, wenn sie gebeten werden.

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