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Meinung Kennt die Türkei ihre Grenzen noch?
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02:15 26.10.2016
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Der Krieg im Irak ist fern. Einerseits. Andererseits wird bei der aktuellen Schlacht um Mossul mehr entscheiden als das Schicksal des Terrorregimes des IS. So denkt der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan bereits laut an die Zeit danach. Sein Land müsse mit am Tisch sitzen, wenn nach einer Vertreibung des „Islamischen Staats“ über die Zukunft Mossuls entschieden wird, sagt der Präsident.

Erdogan fürchtet nicht nur ein Erstarken der Kurden. Er will auch verhindern, dass Mossul unter Kontrolle der vom Iran unterstützten schiitischen Milizen gerät. In Mossul sollen nach dem Willen Erdogans künftig nur sunnitische Araber, Turkmenen und sunnitische Kurden leben.

Schon seit 1992 ist die Türkei im Nordirak militärisch präsent, um die kurdischen Rebellen von der PKK in Schach zu halten. Ende 2015 verstärkte Ankara seine Truppen mit zwei Dutzend Kampfpanzern. Ob dies alles mit Billigung Bagdads geschah, ist strittig. Heute jedenfalls bezeichnet die irakische Zentralregierung die türkischen Truppen als „Besatzer“ – und fordert ihren Rückzug. Erdogan scheint dies nicht zu beeindrucken.

Den Präsidenten treiben dabei nicht nur bloße tagespolitische oder taktische Motive. Es geht um die ganz große Geopolitik. Die Provinz Mossul gehörte zum Osmanischen Reich, bis sie im Ersten Weltkrieg von den Briten besetzt und 1926 dem Irak zugeschlagen wurde. Jetzt meldet Erdogan indirekt Gebietsansprüche an: Man solle nur „den Misak-i Milli lesen, dann wird man verstehen, welche Bedeutung Mossul für uns hat“, so der Präsident. Der Misak-i Milli, der „Nationalpakt“, war das Manifest der türkischen Unabhängigkeitsbewegung nach dem Ersten Weltkrieg. Danach gehört die Region Mossul wie auch das im Vertrag von Lausanne Griechenland zugeschlagene Westthrazien und die syrische Provinz Aleppo zur Türkei.

Kennt die heutige Türkei also keine Grenzen mehr? Erdogan jedenfalls bezeichnet die damals vorgenommenen Grenzziehungen als „unfair“ und als „Niederlage“ für die Türkei. Die Türkei dürfe „Aleppo nicht den Rücken kehren“ oder ihre „Landsleute in Westthrazien, Zypern, auf der Krim und andernorts im Stich lassen“. Am Wochenende sagte Erdogan in einer Rede, man könne die nach dem Ersten Weltkrieg gezogenen Grenzen der modernen Türkei „nicht leichten Herzens akzeptieren“, wenn man an „den Irak oder Bosnien“ denke, denn „diese Geografie ist Teil unseres Lebens“.

Ist das alles nur neo-imperiale Rhetorik oder plant Erdogan, die Grenzen der Türkei tatsächlich wieder auszuweiten? Manches deutet auf Letzteres. Wenn der Irak den Türken eine Beteiligung an der Offensive gegen den IS in Mossul verweigere, warnte Erdogan dieser Tage, habe man in Ankara „einen Plan B und einen Plan C“. Was das für Europa heißen könnte, ist offen. Noch.

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