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Anschlag vereitelt, die Angst bleibt

Kommentar Anschlag vereitelt, die Angst bleibt

Die Poliezi in Brüssel hat am Sonnabend anscheinend einen geplanten Anschlag auf die Fanmeile während des EM-Spiels Belgien gegen die Irland verhindert. Dennoch wissen die Behörden aller EU-Länder, dass das Verhindern eines Terroraktes nur eine kurze Atempause verschafft. Ein Kommentar von Detlef Drewes.

Belgien kann aufatmen. Anders als noch vor drei Monaten bei den Anschlägen in Brüssel scheint es dieses Mal gelungen, eine unmittelbare Bedrohung abzuwenden. Der oft kritisierte Sicherheitsapparat des gespaltenen Landes hat funktioniert, die Ermittler haben einen offenbar sehr konkret geplanten Anschlag von IS-Sympathisanten auf die Brüsseler Fanmeile zum EM-Spiel der Belgier gegen Irland verhindert. Die Verhaftungen zeigen, dass die belgischen und europäischen Behörden aus den Anschlägen der Vergangenheit gelernt haben. Telefone wurden abgehört, Dutzende Wohnungen und Garagen durchsucht. Ein Grund zur Beruhigung liegt in dem Fahndungserfolg von Brüssel dennoch nicht. Die Gefahr eines neuen Terroranschlags ist weiterhin hoch, vor allem EM-Veranstaltungen in Frankreich und anderswo sind für die Propagandaabteilung des sogenannten Islamischen Staates ein lohnendes Ziel.

Terror-Experten befürchten schon lange, der in Syrien und im Irak deutlich geschwächten IS-Miliz reichten selbst vereitelte Attentate für einen propagandistischen Erfolg. Angst und Schrecken lassen sich auch ohne Bomben und Angriffe mit Sturmgewehren erzeugen. Die belgische Regierung hat deshalb am Wochenende richtig reagiert und sich nicht dazu zwingen lassen, mit einer Anhebung der Terrorwarnstufe das öffentliche Leben lahmzulegen. Die Fußball-Fans kamen trotz aller Schauermeldungen zum Public Viewing im Brüsseler Zentrum – und jubelten ihrer Mannschaft beim ersten EM-Sieg zu. Sie zeigten deutlich: Wir vertrauen der Polizei und den Anti-Terror-Fahndern. Wir wollen weiter unbeschwert leben. Das war eine Gegendemonstration, die gut tat.

Dennoch wissen die Behörden aller EU-Länder, dass das erfolgreiche Verhindern eines Terroraktes nur eine kurze Atempause verschafft. Der Mord an einem französischen Polizisten in der Vorwoche hat gezeigt, dass die islamistischen Mordkommandos keineswegs nur jene Punkte angreifen können und wollen, die als verwundbar gelten und deshalb umso massiver geschützt werden. Auch eine geschwächte Terroristenszene ist noch zu blutigen Aktionen in der Lage – und sät damit Angst und Schrecken. Mehr noch: Die Anschläge von Brüssel am 22. März haben deutlich gemacht, wie gefährlich die Selbstmordattentäter selbst dann noch sind, wenn man einer Zelle die wichtigsten Köpfe abgeschlagen und die Drahtzieher verhaftet hat.

Dagegen hilft natürlich Wachsamkeit, aber vor allem eine noch intensiver verzahnte Fahndungsarbeit der Polizei- und Justizbehörden aller EU-Länder. Auf europäischer Ebene wurden seit Paris und Brüssel Fortschritte gemacht. Die nun verhinderten Anschläge von Brüssel sind ein Ergebnis, das belegt, was erreicht werden kann, wenn endlich die enge Kooperation praktiziert wird, die man jahrelang nur versprochen, aber nicht umgesetzt hat. Man kann nur hoffen, dass es wirkt.

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