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Der Geist einer 
besseren Welt

Kommentar Der Geist einer 
besseren Welt

Was bleibt von diesen Olympischen Spielen? Hoffentlich nicht nur das anfangs buhende Publikum, dreckige Toiletten, grünes Wasser im Sprungbecken und endlose Staus auf den Straßen. Sondern olympischer Geist jenseits von Spitzensportlern, Sportsgeist und Einander-Helfen. Ein Kommentar von Manuel Becker.

Um mundo novo – eine neue Welt. Das war das offizielle Motto der Olympischen Spiele in Rio.

Viele drehten in den ersten Tagen den Daumen nach unten. Eine schöne neue Welt war das: eine, in der Athleten ausgebuht wurden, Wettkampfstätten leer blieben, korrupte Funktionäre applaudierten, gedopte Sportler um Medaillen kämpften und schon das von A-nach-B-Kommen oder saubere Toiletten für den Gastgeber eine unlösbare Herausforderung zu sein schienen.

Der olympische Geist und Rio, sie mussten sich erst aneinander gewöhnen. Die deutschen Sportler arrangierten sich mit den brasilianischen Bedingungen. Ihr Fazit am Ende: Tudo bem. Alles gut. Es muss nicht bei allem der deutsche, der europäische Maßstab zugrunde liegen. Auch Brasilien arbeitete ein bisschen an sich selbst. Transport, Hygiene, Abläufe – in der zweiten Woche lief alles weitgehend reibungslos. Die Stadien? Zwar nicht ausverkauft, aber zumindest gut besucht. Das Ausbuhen der Athleten? Ein Zeichen für Leidenschaft, Temperament und Hingabe den eigenen Sportlern gegenüber. Auch für die Unterlegenen gab es am Ende immer häufiger fairen Applaus.

Was bleibt von diesen Spielen? Die bunten Fernsehbilder vom Zuckerhut haben sich ins Gedächtnis der Welt eingeprägt. Brasilien hat sich selbst als modernes Land neu auf die Weltkarte gesetzt. In Rio sind neue Straßen, Bus- und Bahnlinien entstanden. Aber es bleibt mehr als das. Es bleibt eine Ahnung vom olympischen Geist: davon, dass Olympische Spiele mehr sind als große Siege und bittere Niederlagen, als Usain Bolt und Michael Phelps im Stadion um die Ecke sehen zu können.

Olympische Spiele – das kann auch heißen: einander helfen. Als die neuseeländische Läuferin Nikki Hamblin stürzte und damit ungewollt die US-Konkurrentin Abbey D’Agostino zu Fall brachte, half eine der anderen auf. Beide liefen dann langsam ins Ziel und fielen einander in die Arme. Die jungen Athletinnen kannten einander vorher gar nicht. Es war die fairste Geste dieser Spiele.

Der ganzen Welt hilft es, sich die Faszination der Olympischen Spiele bewusst zu machen: das jahrelange Trainieren der Athleten für den einen Moment, den Wettkampf der Nationen, das Vereintsein in Spielen, die zeitgleich rund um die Welt verfolgt werden.

Zu diesem Kern müssen die Olympischen Spiele wieder zurückkehren. Das wird nur gelingen, wenn der seit Jahren laufende Kampf gegen Doping und gegen Korruption gewonnen wird. Die Probleme lasten schwer auf dem internationalen Sport. Das Interesse an den Spielen wird bereits geringer. Doch hier – wie in den Sportstätten – helfen nur der Wille zur Anstrengung und zum Fair Play. Wenn der Glaube an den olympischen Gedanken verloren ginge, würde ein Licht ausgehen, die Welt wäre dunkler. Das Ziel bleibt eine neue, bessere Welt: um mondo novo.

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