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Der falsche Geist 
beim Bund

Kommentar Der falsche Geist 
beim Bund

Ekelhafte Ausbildungsrituale, sexuelle Übergriffe, Beschaffungsstau und jetzt der Fall des rechtsextremen Soldaten unter Terrorverdacht – Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist dann schnell mit der Vorwärtsverteigung. Nachhaltig ist das aber nicht, meint Dieter Wonka.

Die Bundeswehr hat keine Probleme mit Flachbildschirmen in den Soldatenstuben. Das und vieles mehr hat die amtierende Ministerin geregelt. Ursula von der Leyen ist clever, blitzschnell und beherrscht die Vorwärtsverteidigung, auch aus der Deckung heraus. Ihre politischen Verwendungsstationen auf Landes- und Bundesebene sind voller Erfolge: Das Landesblindengeld in Niedersachsen wurde gestrichen, das Elterngeld bundesweit aufgelegt, die Wehrpflicht für politisch tot erklärt. Für die CDU von heute ist Frau von der Leyen eine beinahe unverzichtbare Werbe-Ikone: Sie fällt auf, geht rechtzeitig, strebt unabgesprochen nach vorn und will Karriere machen.

Nun aber ist die Zeit der leichten Treffer vorbei. Franco A., ein Offizier, dem Terrornähe, eine Todesliste und Rechtsextremismus als Verdacht anhaften, ist ein Elementarschaden. So etwas gab es noch nicht. Aber der Fall reiht sich ein in eine lange Liste: Ekelhafte Ausbildungsrituale, sexuelle Übergriffe, Beschaffungsstau, mehr oder minder untaugliche Gerätschaften vom Gewehr bis zum Transportflieger sind einige Stichworte. In keinem Fall fehlt es an schnellen Sätzen der Ministerin. Die nachhaltige Lösung lässt auf sich warten.

Die Bundeswehr hat ein Haltungs- und Strukturproblem. Es mangelt bei manchen in der Truppe an der richtigen Leitkultur. Das war und ist das Prinzip der Inneren Führung. Und das beschränkt sich eben nicht auf gelegentliches radikales Durchgreifen von oben, sondern es setzt Mut zum inneren Widerspruch an der Basis zwingend voraus.

Skandale bleiben in einer Großorganisation wie der Bundeswehr nie aus. Aber die Ministerin darf nicht schon wieder die bei ihr angesiedelte Gesamtverantwortung so hinbiegen, dass sie einige aus ihrer Sicht kleine Marschierer schasst, Wissenschaftler analysieren lässt und sich selbst mit forschen Interviews in Sicherheit bringt.

Es gibt Führungspersonal in der Bundeswehr, das „Rechts um“ für etwas mehr als ein Antritts-Kommando hält. Andere sehen im Vertuschen und Wegducken eine Überlebenstugend im Riesenapparat. Das alles lässt auf mangelnde demokratische Kontrolle schließen, aber eben auch auf einen teilweise falschen Geist in der Truppe in Uniform.

Mit dem Wegfall der Wehrpflicht hat die Bundeswehr ihr Wesen verändert. In den Kasernen ist nicht mehr automatisch ein Abbild der Gesellschaft zu finden; wer anderswo unterkommt, meidet die Truppe zumeist. Damit fehlt auch ein Stück Selbstkontrolle. Es fühlen sich auch Menschen angezogen, die eben nicht von der Leyens Verständnis von den Besten der Besten entsprechen. Ob die Ministerin darauf auch eine Antwort hat?

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