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Meinung Die Sehnsucht nach dem Eigenen
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02:15 25.12.2017
Von Simon Benne
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In Wahrheit ist das Verhältnis der Deutschen zur Religion gespaltener denn je. Einerseits fordern satte Mehrheiten, Deutschland solle auch öffentlich christliche Identität zeigen. Der Anteil jener, die Deutschland für ein „christlich geprägtes Land“ halten, ist binnen fünf Jahren von 48 auf erstaunliche 63 Prozent gestiegen. Zugleich aber wenden sich im Alltag immer mehr Deutsche vom Glauben ab: Der Glaube verdunstet, Gotteshäuser schließen, die religiöse Landschaft ist in einem epochalen Umbruch.

Die Volkskirchen alten Schlages erodieren, auch in Westdeutschland. An ihre Stelle treten kleinere Bekenntniskirchen, denen die Menschen nicht aus Gewohnheit, sondern aufgrund einer bewussten Entscheidung angehören. Auch Vereine, Parteien und Gewerkschaften verlieren dramatisch an Bindungskraft – verglichen mit ihnen stehen die Kirchen teils noch gut da. Und es sind oft nicht die Schlechtesten, die bleiben. Man darf sich ruhig einmal fragen, wie das Land ohne die vielen Christen aussähe, die sich in Flüchtlingsunterkünften und Krankenhausbesuchsdiensten engagieren.

Zugleich mehren sich schon jetzt die Fälle, in denen neu ausgehandelt werden muss, ob eine Kindergartengruppe die nahe Kirche besuchen darf oder ob christliches Liedgut im Schulunterricht noch einen Platz haben soll, wenn Christen doch in der Minderheit sind.

Mit düsterem Blick beschwören einige jetzt die Verteidigung des christlichen Abendlandes. Allzu häufig aber schwingen sich ausgerechnet jene zu Kämpfern für das Christliche auf, die von der eigenen Religion nur noch wenig wissen. Hand aufs Herz: Sind es wirklich die Muslime, die dem Christentum hierzulande seine Selbstverständlichkeit nehmen? Die Kirchen sind nicht leer, weil die Moscheen voll wären, sondern weil die Christen selbst sie nicht mehr füllen.

Wie man zu Kirche und Religion steht, ist natürlich eine höchstpersönliche Angelegenheit. Glaube lässt sich nicht erlernen wie ein Handwerk oder ein Gedicht. Das Wissen um die religiösen Traditionen des eigenen Landes hingegen schon. Weihnachten ist dazu eine gute Gelegenheit. Eine neue Hinwendung zur eigenen Religion richtet keinen Schaden an, im Gegenteil: Sie kann sogar die Toleranz vergrößern.

Wer mit den eigenen religiösen Traditionen zumindest vertraut ist, empfindet die Religiosität anderer als weniger bedrohlich. Selbstbewusstsein ist die Voraussetzung dafür, dass man Fremden mit Offenheit begegnen kann. Eine gefestigte eigene Identität ist der beste Schutz vor Angst.

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