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Die Stahlbranche 
in neuer Angst

Kommentar Die Stahlbranche 
in neuer Angst

In Deutschland stehten Zehntausende Arbeitsplätze in den Stahlwerken auf dem Spiel. Die Konkurrenz aus Indien und China ist günstiger, hinzu kommt die Energiewende. Aber es ist nicht klug, die europäischen Stahlwerke einfach aufzugeben. Eine härtere Linie gegen China jedoch schon. Ein Kommentar von Stefan Winter.

Es ist ein fast nostalgischer Termin für Sigmar Gabriel. Seit’ an Seit’ will der Bundeswirtschaftsminister heute mit Stahlwerkern durch Duisburg schreiten. Es ist ein bisschen wie damals, als Arbeiter und SPD noch eins waren. Und als die deutsche Stahlindustrie schon einmal in einen dunklen Abgrund blickte. Das tut sie jetzt wieder. Ob in Duisburg oder Salzgitter, Hennigsdorf oder Freital – in Stahlwerken und ihrem Umfeld stehen Zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Einen Grund dafür wird man in den Reden heute oft hören: China produziert Stahl mit Niedriglöhnen und jämmerlichen Umweltstandards. Mit dem zweiten Grund wird Gabriel schon vorsichtiger umgehen: Europäische Emissionsregeln und Nebenwirkungen der Energiewende führen hiesige Stahlwerke inzwischen an die Grenzen des technisch und finanziell Machbaren. Und überhaupt nichts wird man wohl davon hören, dass auch in Europa Werke laufen, die die Welt nicht braucht – zum Beispiel im italienischen Taranto, wo das größte Stahlwerk Europas unter Staatsverwaltung am Leben erhalten wird. Alle, auch die Briten, wollen ihre Stahl-Arbeitsplätze retten. Doch das würde wie immer nur für ein paar teure Jahre gutgehen – bevor die Krise dann umso härter wieder aufbricht.

Wer es sich leicht machen will, kann die eine oder andere reine Lehre anwenden, wahlweise in der ökonomischen oder ökologischen Variante. Akzeptiert man, dass Chinesen und Russen konkurrenzlos billig sind, könnte man Westeuropas Stahlwerke einfach sterben lassen. Hält man die Industrie für die Wurzel allen Klimaübels, könnte man es ebenfalls tun. Vernünftig ist beides nicht. Den Ökonomen muss klar sein, dass Europa sich dann einiger Schlüsseltechnologien beraubt. Die Ökologen wiederum müssten ohne Stahl leben – oder ein emissionsfreies Werk in China finden.

Wer möglichst viel von der europäischen Stahlbranche erhalten will, kommt mit reinen Lehren nicht weiter, er muss ihr erst einmal Chancengleichheit im Wettbewerb verschaffen. Dazu wird auch eine härtere Linie gegen China gehören - wobei aber ein ernster Handelskonflikt Europa mehr schaden als nützen würde. Deshalb kommt Europa auch an Einschnitten nicht vorbei. Zugleich wird man akzeptieren müssen, dass Stahlwerke ihre Emissionen minimieren, aber nicht abschalten können. Es geht um einen klugen Mix aus Industrie-, Sozial- und Umweltpolitik - im Grunde wie gemacht für einen SPD-Wirtschaftsminister.

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