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Ein Neustart
 sieht anders aus

Kommentar Ein Neustart
 sieht anders aus

Seit dem Abgas-Skandal kommt Volkswagen nicht zur Ruhe. Nun wird gegen Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch ermittelt. Er sollte in der Krise für Ruhe sorgen. Doch dass Pötsch angreifbar ist, war bekannt. Auch das hemmt den Neuanfang bei VW. Ein Kommentar von Stefan Winter.

Es ist wie verhext. Immer wenn Volkswagen gerade Tritt zu fassen scheint, wenn der Konzern innovative Autos vorzuzeigen hat und der schwierige Umbau vorankommt – immer dann überschattet verlässlich eine Altlast den positiven Trend. Gerade wurde mit dem I.D. ein Ausblick auf die übernächste Autogeneration gegeben, und der Zukunftspakt für den Umbau der Kernmarke VW ist auf dem Weg. Da schlägt am Wochenende die Nachricht ein, dass die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch aufgenommen hat. In Wolfsburg dürfte man allmählich verzweifeln.

Doch Selbstmitleid wäre verfehlt, denn der Konzern – vor allem in Gestalt seiner größten Gesellschafter – hat nicht zuletzt selbst dafür gesorgt, dass viele alte Probleme weiterschwelen können. Es kann niemanden ernsthaft überraschen, dass sie regelmäßig wieder aufflackern. Daran sind keine Staatsanwälte schuld, keine Politiker und keine Medien: Es ist der quasi naturgesetzliche Verlauf eines Schwelbrands, der nicht vollständig gelöscht wurde.

In erster Linie hatte sich die Familie Porsche den erfahrenen Pötsch an der Aufsichtsratsspitze gewünscht. Man kann das verstehen: Er hatte in den wilden Zeiten des VW-Übernahmekampfs eine souveräne Figur gemacht, wird an den Finanzmärkten geschätzt, kennt VW von innen und verhieß im totalen Umbruch etwas Stabilität. An seiner Qualifikation zweifelt ohnehin niemand.

Alles gut und schön, aber gleichzeitig hat jeder vom ersten Tag an gewusst, wie angreifbar der einstige Finanzchef sein würde. Er war dafür verantwortlich, dass die Finanzmärkte regelkonform über drohende Lasten aus dem Abgas-Skandal informiert werden. Nach den Geschehnissen war es eine Selbstverständlichkeit, dass die Finanzaufsicht diesen Ablauf intensiv untersuchen und die Ergebnisse den Konzern und die Öffentlichkeit noch oft beschäftigen würden. Wenn die Aufsicht zum harten Mittel der Strafanzeige greift, gibt es einen substanziellen Verdacht – und vermutlich auch einigen Unmut über die bisherige Kooperationsbereitschaft des Konzerns.

Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Pötsch kommen also nicht überraschend, sondern nur überraschend spät. Egal wie sie ausgehen werden: Wo VW in seiner schwersten Krise jemanden bräuchte, der über jeden Verdacht erhaben ist, sitzt jetzt ein Mann, den die Finanzaufsicht angezeigt hat. Für einen Konzern, der alle Kraft für den Neuanfang braucht, ist das eine Last, die nicht hätte sein müssen.

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