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Gute Zeichen, 
schlechte Zeiten

Kommentar Gute Zeichen, 
schlechte Zeiten

Nizza, Würzburg, München – nie folgten so viele verstörende Angriffe auf unseren Alltag in so engem Takt aufeinander wie in den Tagen seit dem 14. Juli. Ja, wir müssen vorsichtiger sein. Aber würden wir die Angst regieren lassen, wäre bald alles zerstört, was Deutschland ausmacht. Ein Kommentar von Matthias Koch.

Nizza, Würzburg, München – und jetzt noch ein Machetenmord auf offener Straße in Reutlingen. Nie folgten so viele verstörende Angriffe auf unseren Alltag in so engem Takt aufeinander wie in den Tagen seit dem 14. Juli. Nie wurde die emotionale Stabilität der heute lebenden Deutschen so hart geprüft.

Kerzen flackern, Trauernde versammeln sich. Das immer neue öffentliche Zusammenrücken wird zur makabren Routine. Nach den Anschlägen in Frankreich gab es eine sympathische Losung: „Nous sommes unis.“ Wir sind vereint: mit Paris, mit Brüssel, mit Istanbul. Und was gilt jetzt, in diesem blutigen Juli 2016? Wir sind München? Ehrlicher wäre es wohl zu sagen: Wir sind müde.

Doch es hilft nichts. Wir müssen uns erneut aufraffen zur Rückkehr in den Alltag. Ja, wir müssen vorsichtiger sein. Aber würden wir die Angst regieren lassen, wäre bald alles zerstört, was Deutschland ausmacht. Die Einigkeit der Menschen. Das Recht, das uns den aufrechten Gang ermöglicht. Die Freiheit, um die so viele uns beneiden.

In Norwegen tötete der rechtsextreme Amokläufer Anders Breivik vor fünf Jahren 76 Menschen. Der damalige Premier Jens Stoltenberg fürchtete böse Reflexe und warf sein ganzes politisches Gewicht in die Waagschale, um Land und Leute daran zu hindern, extremistisches Denken mit extremistischem Denken zu beantworten. Er wolle, sagte Stoltenberg, dass Norwegen nach dem Anschlag „eine noch offenere und tolerantere Demokratie sein wird als vorher“.

Einen so mutigen, fast paradoxen Impuls brauchen wir jetzt auch in Deutschland. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, schrieb Hölderlin. Auch heute gibt es inmitten schlechter Zeiten ein paar gute Zeichen. Die Offenheit und Redlichkeit der Münchener Polizei zum Beispiel setzt quer durch die freie Welt Maßstäbe für den intelligenten Umgang von Behörden mit Krisensituationen. Die Hilfsbereitschaft unzähliger Privatleute, die Fremden nach Stopp des Nahverkehrs Unterschlupf boten, war ebenfalls beeindruckend. Viele Institutionen beteiligten sich an der Aktion „Offene Tür“, die Staatskanzlei ebenso wie die Münchener Moscheen.

Deutschlands führende Politiker vermieden voreilige Deutungen aller Art. Wie verantwortungslos waren dagegen die unbändigen Spekulationen in den vermeintlich modernen sozialen Netzwerken - wo die Wahrheit nichts zählt und unaufgeklärte Eiferer aufeinander schlagen, als seien sie im Mittelalter. Auf jämmerliche Art haben sich zwei prominente AfD-Twitterer entlarvt. Frauke Petry verband Bilder vom Tatort mit der Parole „AfD wählen“, Andre Poggenburg wies eine Mitverantwortung an der Tat eines psychisch gestörten Schülers „den Merklern und Linksidioten“ zu. Seriöse und unseriöse Kräfte in der deutschen Politik lassen sich nach München klarer unterscheiden. Auch darin liegt in der schwierigen Phase, durch die wir gehen, ein kleiner Fortschritt.

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