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Kein Plan B
 für Syrien

Kommentar Kein Plan B
 für Syrien

Ohnmächtig und fassungslos schaut die Welt auf das Gemetzel von Aleppo. Vor aller Augen werden die 250.000 Bewohner im Osten der syrischen Stadt mit Bunkerbrechern und Phosphorgranaten bombardiert. Es gibt keinen Plan für ein Ende der Gewalt in Syrien. Ein Kommentar von Martin Gehlen.

Rund um die Uhr graben Helfer Kinder aus den Trümmern. Mit barbarischer Präzision nehmen die Angreifer auch noch die letzten Krankenhäuser und Hilfsstationen unter Beschuss. Syriens Machthaber Bashar al-Assad und seine russischen Verbündeten wollen die von Rebellen gehaltenen Stadtteile sturmreif schießen. Ihr Kalkül: Die Rückeroberung von Aleppo wäre die militärische Vorentscheidung des Bürgerkriegs.

Der Genfer Verhandlungsweg ist gescheitert. Denn jede diplomatische Initiative beruhte auf der Voraussetzung, dass alle Seiten akzeptieren, dass der Krieg nach 300 000 Toten und elf Millionen Flüchtlingen militärisch nicht mehr zu gewinnen ist. Doch in diesem Kernpunkt legte sich Russland nie richtig fest.

Als Assad im Februar vor dem ersten Genfer Anlauf stur auf die Rückeroberung ganz Syriens pochte, reagierte Moskau mit einer scharfen Rüge. Seit Sommer jedoch bleibt diese Regimerhetorik unbeanstandet. Und jetzt setzen offenbar auch die russischen Generäle mit ihrem wahllosen Bombardement auf Aleppo allein auf Sieg. Und so war Genf rückblickend nur ein Instrument für Russland und das syrische Regime, Zeit zu gewinnen, die eigenen militärischen Optionen auszuloten und auf dem Schlachtfeld unumkehrbare Fakten zu schaffen.

US-Außenminister John Kerry hatte für diesen Fall stets mit einem Plan B gedroht. Doch es gibt diesen Plan nicht, und es gibt auch keine westliche Strategie. Die Weichen dafür wurden vor drei Jahren gestellt, als sich US-Präsident Barack Obama nach den Giftgasattacken nicht entschließen konnte, Angriffe gegen das Assad-Regime zu fliegen. Wer aber nicht bereit ist, syrische Kampfjäger vom Himmel zu holen, kann auch die Bevölkerung nicht gegen einen Luftterror schützen, wie ihn Assad und Russlands Staatschef Putin über Aleppo entfesseln.

Obendrein bietet die Bilanz westlicher Interventionen gegen nahöstliche Regime keinerlei Hoffnung, dass es in Syrien hätte besser laufen können. Sie ist eine Kette katastrophaler Fehlschläge, die alles nur schlimmer machten: Ohne den von den Geheimdiensten Washingtons und Londons 1953 organisierten Sturz des iranischen Regierungschefs Mohammad Mossadegh wäre die Islamische Republik des Ajatollahs Khomeini nie entstanden. Ohne die Invasion der „Koalition der Willigen“ 2003 unter Führung von George W. Bush gegen Saddam Hussein wäre dem Irak und der Welt der „Islamische Staat“ erspart geblieben. Und ohne die Intervention der Nato gegen Muammar al-Gaddafi gäbe es heute keinen gescheiterten Staat Libyen.

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