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Lasst Griechenland nicht im Stich!

Kommentar Lasst Griechenland nicht im Stich!

Wenn der Flüchtlingspakt der Europäischen Union mit der Türkei platzt, könnte der Strom von Asylsuchenden von einem Tag auf den Tag anderen über die Ägäis nach Griechenland wieder anschwellen. Aber Griechenland fühlt sich schon jetzt von der EU im Stich gelassen. Ein Kommentar von Gerd Höhler.

Was passiert, wenn der Flüchtlingspakt zwischen der Europäischen Union und der Türkei platzt? Der Vertrag ist nach den jüngsten Entwicklungen in der Türkei ins Wanken geraten. Montag drohte Ankara wieder offen mit dem Bruch. Keinem muss das mehr Kopfschmerzen bereiten als den Griechen. Denn wenn die Türkei die Vereinbarung aufkündigt und den Schleusern wieder freie Hand lässt, könnte der Flüchtlingsstrom über die Ägäis von einem Tag auf den anderen wieder anschwellen. Griechenland würde dann zu einem Auffangbecken für Hunderttausende schutzsuchende Menschen. Die Befürchtung ist groß: Lässt Europa Griechenland dann im Stich?

Bisher scheint die Devise in den meisten EU-Staaten zu sein: Hauptsache, die Flüchtlinge bleiben auf Distanz. Dafür ist auch gesorgt, denn die Grenzen auf dem Balkan sind geschlossen. Für neu ankommende Flüchtlinge ist Griechenland Endstation. Knapp 60 000 Menschen sind hier seit Schließung der Balkanroute gestrandet. Jeden Tag kommen im Schnitt etwa 80 hinzu. Wenn der türkische Präsident die Schleusen öffnet, könnten es täglich Tausende sein.

Dann müsse Griechenland eben seine Grenzen besser sichern, lautet ein häufig geäußerter Ratschlag. Er war schon im vergangenen Jahr zu hören, auf dem Höhepunkt der Krise. Wer so redet, verkennt die Realitäten. Seine 200 Kilometer lange Landgrenze zur Türkei hat Griechenland gut gesichert. Aber wie soll das Land seine Seegrenze dichtmachen? Ankommende Flüchtlingsboote abzudrängen oder gar zu versenken widerspräche dem Völkerrecht.

Genauso abwegig wie der Ruf nach einer Abriegelung der Seegrenze ist das Ansinnen, die griechischen Inseln der Ostägäis in riesige Internierungslager zu verwandeln. Angesichts solch absurder Vorschläge ist es kein Wunder, dass sich die Griechen in der Flüchtlingskrise von der EU im Stich gelassen fühlen. Die Zahlen belegen diesen Eindruck leider. Im vergangenen Herbst hatte die EU versprochen, 160 000 Flüchtlinge aus Griechenland und Italien innerhalb der Union umzusiedeln. Tatsächlich wurden bisher nur gut 2800 Menschen übernommen.

Aber auch Griechenland muss mehr tun. Die meisten der dort gestrandeten 60 000 Menschen werden auf lange Zeit im Land bleiben. Das ist keine Zahl, die ein Zehn-Millionen-Volk nicht verkraften könnte, zumal das chronisch krisengeplagte Land dafür Finanzhilfen der EU erhält. Doch immer noch dauern die Asylverfahren viel zu lange. Fast 10 000 Menschen drängen sich deshalb in den Aufnahmezentren auf den Ägäisinseln. Auch jene, die Asyl in Griechenland bekommen, wissen nicht, was aus ihnen werden soll. Ausgerechnet der Links-Premier Alexis Tsipras, der sich sonst als Champion der Menschenrechte brüstet, wirkt merkwürdig teilnahmslos angesichts des Flüchtlingselends in seinem Land.

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