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Mehr Schutz vor kranken Tätern

Kommentar Mehr Schutz vor kranken Tätern

Die sieben Landeskrankenhäuser in Niedersachsen haben eine sehr wichtige Aufgabe. Sie sollen psychisch kranke oder schwer drogenabhängige Straftäter auf die Rückkehr in die Gesellschaft vorbereiten – und zugleich die Bevölkerung vor Taten beschützen, die diese Kriminellen im Wahn ihrer Krankheit oder von Drogen begehen könnten. Eine Analyse von Karl Doeleke.

Hannover. Gut ausgebildete Ärzte und Pfleger sorgen dafür, dass der Maßregelvollzug nicht zum Sicherheitsrisiko wird.

So weit die Theorie. Tatsächlich sind wieder schreckliche Dinge passiert. Im September hat ein vorbestrafter Vergewaltiger eine junge Frau umgebracht. Dass der mutmaßliche Täter aus der Entzugsklinik in Bad Rehburg stammt und die Tat während eines Freigangs beging, kam erst im April heraus. So lange lief der Mann weiter vergleichsweise frei herum. Am Montag hat ein verurteilter Räuber aus dem offenen Vollzug eine Seniorin in Wunstorf schwer verletzt.

Dass Landes-Sozialministerin Rundt nach solchen Taten öffentlich spricht und nicht etwa ihre Kollegin aus der Justiz, macht das Dilemma deutlich: Im Maßregelvollzug prallen Welten aufeinander. Die Insassen der Landeskrankenhäuser sind keine Häftlinge, sondern Patienten, die in Kliniken untergebracht sind.

Doch Ärzte, Richter und Sachverständige sprechen eben nicht die gleiche Sprache. Die Gerichte müssen sich auf Gutachter verlassen, die Patienten oft anders einschätzen als die Klinikärzte. Die wiederum beschweren sich, dass Richter ungeeignete Kandidaten in eine Therapie schicken. Auch im jüngsten Fall waren sich die Klinik in Moringen und das Gericht in Göttingen nicht einig. Die Ärzte hielten den 36-Jährigen angeblich für nicht therapierbar. Auch die Staatsanwaltschaft wollte, dass er zurück hinter Gitter kommt. Doch das Gericht wollte ein weiteres Gutachten hören. Es bescheinigt eine hohe Rückfallgefahr. Tatsächlich stach der Mann zu.

Ordnung in dieses Chaos zu bringen wäre die Aufgabe von Rundt. Die Ministerin hat einiges erreicht: Sie hat Personal aufgestockt und Zäune erhöht. Seitdem gibt es weniger Ausbrüche. Doch es bleibt ein Herumdoktern an Symptomen. Seit die Zäune nicht mehr zu überwinden sind, greifen die Insassen das Personal an, um an Schlüssel zu kommen.

Und nun? Therapien abzuschaffen ist keine Lösung. Aber Ärzte, Richter und Sachverständige müssen sich auf eine gemeinsame Linie verständigen. Hier ist Rundt gefragt. Sie hat aber vorerst nur die Klinikärzte zum Gespräch geladen. Das ist wieder nur die kleine Lösung.

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