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Nur abwarten
 und zuschauen?

Kommentar Nur abwarten
 und zuschauen?

Im syrischen Aleppo spielt sich eine humanitäre Katastrophe der ersten Kategorie ab. Russland will weder eine Luftbrücke für die hungernden Einwohner noch eine Flüchtlingskorridor. Es ist kein starker Akteur zur Befriedung des Landes in Sicht. Ein Kommentar von Jörg Kallmeyer.

Hannover. Die Weltgemeinschaft hat kein Problem damit, ihre Probleme korrekt zu benennen. Das Internationale Rote Kreuz nannte den Kampf um die syrische Metropole Aleppo Dienstag „einen der verheerendsten städtischen Konflikte der Neuzeit“. Die Vereinten Nationen sprechen von einer „humanitären Katastrophe der ersten Kategorie“. Doch was folgt daraus? Nichts. Die Weltgemeinschaft hat im Augenblick keine Mittel und Wege, ihre großen Probleme zu lösen. Selten zuvor ist das so deutlich geworden wie am Beispiel Aleppo.

Ja, dem Bundesaußenminister wäre zu wünschen gewesen, dass er gegenüber seinem russischen Gesprächspartner eine Luftbrücke für die geschundene Stadt hätte durchsetzen können. Brot statt Waffen – wer könnte dagegen schon sein? Und doch war die Forderung nach einer Luftbrücke weit von den Realitäten dieses Krieges entfernt: Die syrische Regierung und ihre russischen Verbündeten setzen Hunger als Kriegswaffe ein. Die Zivilbevölkerung soll die Stadt verlassen.

Die Bundesregierung kann Russland gleichwohl mit gutem Grund Zynismus vorhalten. Das Leiden der Bevölkerung jedenfalls interessiert die russischen Strategen wenig, sonst würden sie den Menschen eine geordnete Flucht aus der Stadt ermöglichen. Auch diejenigen aber, die Fluchtkorridore fordern, haben keine Antwort auf die Frage, was denn am Ende mit den Flüchtlingen geschehen soll. Wie eine Drohung erscheint am Horizont eine neue Flüchtlingswelle in Richtung Europa.

Da mögen die Bilder aus Aleppo noch so drastisch ausfallen – der Westen wird sich bis auf Weiteres auf Abwarten und Zuschauen beschränken. Ein starker Akteur zur Befriedung des Landes ist nicht in Sicht. Die USA verzichten auf eine Führungsrolle in der Region. Die Vereinten Nationen, eigentlich zuständig für die Lösung solcher Konflikte, schleppen sich von Krise zu Krise. Im April 2011 hat sich der UN-Sicherheitsrat zum ersten Mal mit der Gewalt der Assad-Regierung befasst. Zu einer Resolution kam es nicht, weil sich die großen Mächte gegenseitig blockierten. So wie ein gutes Dutzend Mal in Folge auch.

Man sollte sich aber hüten, bei der Bewertung des Konflikts immer nur mit dem Finger auf die Vereinten Nationen oder die Großmächte zu zeigen. Jahrelang hat sich in Europa niemand dafür interessiert, dass im Nahen Osten eine nicht nur komplizierte, sondern auch hochgefährliche Gemengelage entstand. Länder wie Syrien oder Libyen erschienen auch der deutschen Politik und Öffentlichkeit lange Zeit nicht wichtig oder interessant genug, um sich damit zu befassen.
Den Vorwurf des Zynismus müssen sich daher auch jene gefallen lassen, deren Interesse für Syrien erst dann entflammte, als Tausende Asylsuchende an der deutschen Grenze standen. Oder als in der Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim für Syrer gebaut wurde.

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