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Schuld haben
 nicht die Kunden

Kommentar Schuld haben
 nicht die Kunden

Seit VW-Chef Matthias Müller gesagt hat, dass die Deutschen Elektro-Autos nur mit "spitzen Fingern" anfassen, gibt es eine Diskussion darüber. Schuld sind aber nicht Kunden, sondern fehlende Reichweite und komplizierte Auflademöglichkeiten. Ein Kommentar von Lars Ruzic.

Manchmal können Chefs schon nerven. Da lädt VW-Vorstand Herbert Diess für den Dienstag zur großen Präsentation seiner Zukunftsstrategie für die Kernmarke – einschließlich des Ziels, bis 2025 Weltmarktführer bei Elektro­autos zu sein. Und zwei Tage zuvor sinniert sein Vorstandsvorsitzender Matthias Müller in einem Zeitungsinterview öffentlich über das Desinteresse der Deutschen bei genau dieser Technologie. Viele handelten im Alltag zwar grün, hätten bei E-Mobilität aber „spitze Finger“, meinte er. Klar, dass das nach hinten losgehen und Diess’ Elektro-Show konterkarieren musste.

Dass Autokäufer E-Autos bis heute mit spitzen Fingern anfassen, hat mehrere Gründe: Sie sind teurer als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, haben eine deutlich niedrigere Reichweite und sind nur umständlich und mit vergleichsweise großem (Zeit-)Aufwand wieder aufzuladen. Am Angebot mangelt es nicht – da hat Müller Recht. Jeder Hersteller kann inzwischen mit diversen Elektromodellen aufwarten. Nur: Das Angebot ist schlecht. Insofern muss die Industrie die Ursache in erster Linie bei sich selbst suchen – und nicht beim Kunden.

Sie ist übrigens schnell gefunden. Bis heute kann niemand die Batterietechnologie bieten, mit der E-Autos zum gleichen Preis-Leistungsverhältnis zu haben sind wie Benzin- oder Diesel-Fahrzeuge. Das Problem ist die Zellchemie. Fortschritte sind hier längst nicht so leicht zu erzielen wie im Maschinenbau. Nicht ohne Grund ist aus dem ersten E-Auto von Ferdinand Porsche aus dem Jahr 1900 am Ende nicht viel geworden.

Derzeit verhilft sich die Industrie damit, Lithium-Ionen-Zellen – von der Funktionsweise kaum anders als unsere Smartphone-Akkus – in Massen auf dem Autoboden zu verbauen. Trotzdem sinken die Stückkosten nur langsam, und E-Autos mit großer Reichweite werden verdammt teuer. Milliarden und Abermilliarden müssten investiert werden, um neue Zellfabriken zu bauen. Davor schreckt die Branche nicht ohne Grund zurück. Denn sie geht davon aus, dass auch Lithium-Ionen-Zellen nur eine Übergangstechnologie sein werden. Die Zukunft, so hoffen sie unter anderem bei Volkswagen und bei Continental, gehört der anspruchsloseren Feststoffzelle. Doch bis die in Massen in gewünschter Qualität gefertigt werden kann, vergehen noch viele Jahre.

Es wird also allen Seiten nichts anderes übrig bleiben, als sich in Geduld zu üben. E-Autos werden in fünf Jahren die bessere Alternative für die Kunden sein, meinte VW-Markenchef Herbert Diess am Dienstag. Mag sein. Aber nicht, weil sie sich dann dramatisch verbilligt hätten. Sondern weil Autos mit Benzin- oder Dieselmotor bis dahin aufgrund verschärfter Umweltauflagen spürbar teurer sein werden als heute.

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