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Was kostet
 unser Essen?

Kommentar Was kostet
 unser Essen?

Verbraucher müssen in diesen Tagen viel hinnehmen: Das Pflanzengift Glyphosat bleibt erlaubt, ebenso die massenhafte Vergasung männlicher Küken. Und Bauern können von den Milchpreisen nicht mehr leben. Dabei hat es jeder selbst beim Einkaufen selbst in der Hand. Ein Kommentar von Hendrik Brandt.

Jetzt kommt es wieder einmal dicke. Lauter schlechte Nachrichten dringen in diesen Tagen vom Land an die Esstische in der Stadt. Für einen unbeschwerten Lebensmitteleinkauf zum Wochenende sind es fast zu viele: Die Milch im unteren Supermarktregal ist inzwischen so peinlich billig, dass kein Bauer mehr davon leben kann. Ein massenhaft eingesetztes Pflanzengift bleibt im Gebrauch, weil es auf dem Feld Zeit und Geld spart und erstmal kein Mensch sagen kann, was es dauerhaft mit uns macht. Ein deutscher Chemie-Riese plant die Übernahme eines mächtigen Herstellers dieses Giftes, dessen Ruf durch eifrige Genmanipulationen beim Saatgut und Druck auf Bauern schwer angeschlagen ist. Und jetzt hat das Oberverwaltungsgericht Münster auch noch entschieden, dass die massenhafte Vergasung männlicher Küken, die nun einmal keine Eier legen, doch irgendwie mit dem Tierschutzgesetz vereinbar sei.

Das alles steht im scharfen Kontrast zu der ach so heilen „Landlust“-Welt vieler Städter mit ihrer Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Ganzheitlichkeit und dem wahrem Leben. Dass das Idyll in aller Regel auf dem Etikett des gekauften Produkts endet, gehört zu den meistverdrängten Wahrheiten unseres Alltagskonsums.

Dabei gäbe es einen kräftigen Hebel, der Wunsch und Wirklichkeit bei der Ernährung wieder dichter zusammenbringen könnte: den Preis. Es sind am Ende nicht zuerst anonyme Agrarkonzerne, nicht zynische niedersächsische Fleischverarbeiter und nicht US-Saatgutproduzenten, die entscheiden, was wir essen. An der Macht sind die Verbraucher. Die Wochenendeinkäufer. Nur sind sie daran seltsamerweise kaum interessiert.

Das aktuelle Milch-Drama zeigt das. Über dem 50-Cent-Ramsch steht im Supermarkt die Bio-Milch, die rund einen Euro pro Liter kostet und sogar den Landwirt gut leben lässt. Sie ist in vielerlei Hinsicht wertvoller und bleibt doch ein Nischenprodukt. Warum eigentlich? Hängt es wirklich an den wenigen Cent? Wären die Verbraucher hier etwas beweglicher, hätten sie übrigens schnell einen mächtigen Verbündeten beim Kampf um bessere Lebensmittel – den modernen bäuerlichen Betrieb. Dort arbeiten keine Träumer, aber vielfach noch Unternehmer, denen die Qualität ihrer Produkte wie der langfristige Zusammenhalt von Mensch und Umwelt etwas bedeutet. Und die sofort Biomilch, Hähnchenfleisch oder sogar heimische Sojabohnen anbieten würden, wenn es jemand bezahlt. Es wäre Zeit für solch gute Nachrichten vom Land.

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