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Was wird aus der
 Lehrer-SPD?

Kommentar Was wird aus der
 Lehrer-SPD?

Bei den Kommunalwahlen hat die SPD in Hannover herbe Stimmenverluste hinnehmen müssen. Warum? Die Partei hängt seit Jahren einer Lebenslüge an. Die Funktionsträger mit akademischen Hintergrund hören den Sorgen der "kleinen Leute" nicht zu. Ein Kommentar von Hendrik Brandt.

Es hat wehgetan. Was die SPD in Hannover und manchen anderen Orten bei den Kommunalwahlen vor einer Woche erlebt hat, war zum Teil brutal. Konnte man sich die fast vollständige Pleite in der bisherigen Hochburg Emden noch mit lokalen Besonderheiten erklären, sind die herben Verluste in Hannover für viele Genossen noch immer ein Rätsel. Kaum einer mag auch nur hinsehen – Schonhaltung nennen das die Orthopäden, die Seelendoktoren sprechen von Verdrängung.

Viele Sozialdemokraten verstehen die Welt nicht mehr: Haben sie nicht in Berlin, in den Ländern und auch vielen Großstädten immer das Beste gewollt? Mindestlohn hier, bessere Kitas dort, dazu Zukunftsvisionen etwa in einem aufwendigen Bürgerdialog in Hannover? Und der Dank sind immer schlechtere Wahlergebnisse? Und Sonntag soll das in Berlin womöglich so weitergehen?

Wer hier wirklich Antworten sucht, wird die Schonhaltung aufgeben und sich dem Schmerz stellen müssen. Und mit ihm der Frage, was „sozialdemokratisch“, was „links“ angesichts der aktuellen Problemstellungen von Globalisierung des Kapitalismus, Digitalisierung unseres Lebens und Fragmentierung der Gesellschaft eigentlich heißen soll. Die zentrale Antwort der SPD war stets: „Wir stehen in all diesen schwierigen Prozessen an der Seite der ,kleinen Leute’. Wenn es ihnen besser geht, haben wir etwas erreicht.“ Nur: Was hilft den „kleinen Leuten“ denn wirklich? Und woher weiß die SPD das?

Viel spricht dafür, dass die Partei hier seit vielen Jahren einer Lebenslüge anhängt. Weil der akademisch grundierte Apparat bei den „kleinen Leuten“ zwar oft Hände schüttelt, ihnen aber nicht zuhört, sondern wie ein Lehrer vor Schüler tritt. Sonst wüsste man, dass beispielsweise die Angst vor Zuwanderung und dem Islam größer ist, als man es für opportun hält. Sonst hätte man in Hannover erfahren, was „kleine Leute“ davon halten, wenn die Sozialpädagogen im Rathaus Geld dafür ausgeben, um Trinker am Hauptbahnhof mit Konzerten zu bespaßen, statt gegen sie vorzugehen. Und man hätte insgesamt erkannt, dass „links“ als Haltung wenig wert ist, wenn sie nicht immer wieder neu mit einem spürbaren Inhalt gefüllt wird.

Welthandel hier, zupackende Kommunalpolitik da – die SPD wird sich neu sortieren müssen. Ob dazu auch neue Spitzenleute in Berlin und anderswo nötig sind, diskutiert sie ja schon selbst. Das allein aber wird nicht reichen. Längst nicht.     

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