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Nachhilfe endlich mal für Eltern

Kommentar zu Elterntaxis Nachhilfe endlich mal für Eltern

Schulen und Polizei machen mobil gegen Elterntaxis. Das ist gut so, denn diese sind nicht nur ein verkehrstechnisches, sondern auch ein pädagogisches Problem, meint Simon Benne. Ein Kommentar.

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Schüler der Albert-Schweitzer-Grundschule stellen mit Vertretern von Polizei und Schule mit einem Banner das Pilotprojekt "Elterntaxi" vor.

Quelle: Rainer Droese

An der Albert-Schweitzer-Grundschule in Limmer ist jetzt ein pädagogisches Pilotprojekt angelaufen. Dabei sollen allerdings nicht Kinder etwas lernen, sondern Eltern. Jene, die sich schwertun, bekommen sogar Nachhilfe von der Polizei. Mit Plakaten und Kontrollen machen Schule und Ordnungshüter dort Front gegen Elterntaxis – und das ist auch gut so.

In Hannover hat es im vergangenen Jahr 110 Unfälle mit Kindern auf dem Schulweg gegeben. Verständlich, dass Eltern ihre Kinder vor Gefahren beschützen wollen. Doch wenn sie ihre Söhne und Töchter scharenweise mit dem Auto bis vors Schultor fahren, schaffen sie selbst oft erst jenes Verkehrschaos, vor dem sie ihre Kinder eigentlich bewahren wollen.

Es mag Ausnahmen geben, doch in den allermeisten Fällen ist Kindern der eigene Schulweg zumutbar. Sie müssen ihn erlernen, so wie sie auch lernen müssen, ihre Sachen selbst zu packen und an ihre Jacke selbst zu denken. Auf dem Schulweg knüpfen Kinder soziale Kontakte. Sie bewältigen ein Stück Alltag im Alleingang und haben Erfolgserlebnisse in Sachen Selbstständigkeit. Das gehört zur Persönlichkeitsentwicklung; es ist ein Stück Bildung abseits des bloßen Wissenserwerbs. Elterntaxis sind darum nicht nur ein verkehrstechnisches, sondern auch ein pädagogisches Problem.

Oft wird beklagt, dass Eltern heute viel weniger Zeit für ihre Kinder hätten als früher. Dabei besagen Studien das Gegenteil: Mütter widmen ihren Kindern heute fast doppelt so viel Zeit wie noch 1965 (im Schnitt 104 statt 54 Minuten täglich), Väter sogar viermal so viel. Experten sprechen vom Phänomen der „intensiven Elternschaft“. Eltern glauben, dass es gut für die kognitive Entwicklung und den schulischen Erfolg ist, wenn sie sich intensiv um ihre Kinder kümmern. Man kann sagen: Eltern halten Eltern für wichtig.

Dieser Wandel ihres Selbstverständnisses birgt aber auch Gefahren. An vielen Schulen klagen Lehrer über Mütter, die ihre Kinder bis ins Klassenzimmer bringen. Oder über Väter, die sich bei schlechten Noten viel Zeit für Beschwerdetelefonate mit den Lehrern nehmen. Sie wollen ihre Kinder vor allen Herausforderungen beschützen und alle Hindernisse für sie aus dem Weg räumen.

In den vergangenen Jahrzehnten ist der Radius, in dem Kinder sich alleine frei bewegen, kontinuierlich geschrumpft. Ihr Leben ist oft straff durchgetaktet und minutiös verplant. Überbehütete Kinder haben aber kaum eine Chance, selbstständige Menschen zu werden. Kinder brauchen die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu machen und an Misserfolgen zu wachsen. Eltern sollten ihnen ruhig etwas zutrauen und sie gelegentlich eigene Wege gehen lassen.

Der eigene Schulweg ist da ein Anfang.

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