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Meinung Und deshalb hat Per Mertesacker recht
Nachrichten Meinung Und deshalb hat Per Mertesacker recht
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09:28 15.03.2018
Von Stefan Knopf
Quelle: dpa/Symbolbild
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Beim Hamburger SV ermittelt jetzt die Polizei: In der Nacht nach dem 0:6 beim FC Bayern waren Unbekannte auf das Trainingsgelände eingedrungen und hatten Grabkreuze als Botschaft an die Mannschaft aufgestellt. Am selben Wochenende stürmten beim englischen Club West Ham und im französischen Lille nach dem Spiel Fans den Platz und bedrohten Spieler und Funktionäre. In allen drei Fällen ist die Ursache dieselbe: Abstiegsangst.
Fragt eigentlich jemand, wie sich die Spieler fühlen?

Per Mertesacker hat dem „Spiegel“ jetzt ein paar Eindrücke erlaubt. In einem bemerkenswert offenen Gespräch beschreibt er den Druck, den er vor jedem Spiel spürt; wie in den Sekunden vor dem Anpfiff der Brechreiz in ihm aufsteigt. Er spricht neben der Enttäuschung des Sportlers Mertesacker auch über die Erleichterung des Menschen Mertesacker nach dem verlorenen WM-Halbfinale 2006 gegen Italien: Weil das Horrorszenario, einen Fehler zu machen, endlich vorbei war.

Darf man so etwas sagen als Fußballprofi?

Mertesacker hat eine Diskussion angestoßen, die überfällig war, wie die Reaktionen zeigen. Im Fußballgeschäft hat offenbar niemand dazugelernt. Mertesacker beschwert sich nicht, er klagt nicht an; er betont, dass ihm die Privilegien seines Berufs bewusst seien. Aber er offenbart etwas, das auch mehr als acht Jahre nach dem Suizid von Robert Enke noch immer ein Tabu ist im Profigeschäft: Schwäche.

Trotz aller Bemühungen und Vorsätze transportiert der Fußball noch immer ein Wertesystem aus dem vergangenen Jahrhundert, nicht zuletzt unterstützt durch die Fernsehsender, die den Zirkus mit Millionensummen unterstützen. Es geht um Unterhaltung fürs Geld, um Schwarz und Weiß, 96 oder Braunschweig, klare Grenzen und Vereinfachungen – für Differenzierungen ist da kein Platz. Spieler müssen funktionieren, basta, und die Kronzeugen, die sogenannten Experten, sind meist Vertreter einer Epoche, von der man eigentlich hoffte, sie wäre längst abgeschlossen.

Auffällig wenig Zuspruch bekam Mertesacker von aktuellen oder früheren Kollegen. „Er hätte ja aufhören können, wenn der Druck so groß war“, fand Lothar Matthäus, der so gerne als Trainer arbeiten würde – und es ist beängstigend, dass kaum jemand auf die Idee kommt, dass nicht der Mensch krank sein könnte, sondern das System. Mertesacker beendet im Mai seine Karriere, anschließend will er beim FC Arsenal im Jugendbereich arbeiten. „Wie will er einem jungen Spieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass da zu viel Druck ist? Das geht nicht“, sagt Matthäus. Und das sagt alles.

Vielleicht wäre es zur Abwechslung mal gut, wenn jemand die jungen Spieler auf das echte Leben als Profi vorbereitet. Mertesacker gilt immerhin als einer der reflektiertesten Fußballprofis. Und Matthäus ist eben Matthäus.

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