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Sachsen, wir haben ein Problem

Kommentar Sachsen, wir haben ein Problem

Sie pöbeln und keifen - und glauben für das Volk zu sprechen. Die sächsischen Krakeeler irren sich: Dresden ist nicht Deutschland. Zum Glück.  Ein Kommentar von Hendrik Brandt.

Sie sind laut, sie sind schlicht und sie sind peinlich. Aber eines sind sie nicht: „das Volk“, von dem sie so gern reden. Dass rechtsradikale Pöbler die Einheitsfeiern in Dresden am Montag derart ausdauernd stören konnten, deutet auf fortwährende Missverständnisse an diesem Punkt hin. Nicht zuletzt bei den Behörden in Sachsen und wohl auch bei der dortigen Politik.

Vieles, was im stets so stolzen Freistaat als „Volkes Stimme“, als noch tolerable „Meinungsäußerung“ von Rechts durchgeht, ruft anderenorts mit ein paar guten Gründen längst Polizei, Ordnungsbehörden und vor allem Bürger auf den Plan. Die Sachsen, vor allem jene in der Landes- und Pegida-Hauptstadt Dresden, mögen da inzwischen abgehärtet sein – als Abbild der Republik taugen sie aber immer weniger. Dresden ist nicht Deutschland. Zum Glück.

Und dabei geht es nicht um Sorgen, nicht um Widerspruch in aktuellen Fragen der Politik. Er ist sinnvoll, nötig – und in manchen Bereichen gewiss auch zu lange unbeachtet geblieben. Nicht jeder Wähler der AfD ist ein Rechtsradikaler, nicht jeder, der einen Berg voll Fragen zur Zuwanderung hat, beendet damit die demokratische Diskussion. Im Gegenteil. Fragen und Einwände gehören dazu. Und es ist bestimmt nicht verkehrt, wenn manche Selbstgewissheit im Dialog auch einmal als Selbstgerechtigkeit entlarvt wird. Rechts wie links, oben wie unten.

Das aber hat mit dem nun offenbar dauerhaft hässlichen Gesicht Dresdens nicht mehr viel zu tun. Die Art und Weise, in der hier gepöbelt wird, verweist nicht auf belastbare „Meinungen“. Hier geht es um eine von Euro- und Flüchtlingskrise freigespülte, ganz grundsätzliche Ablehnung der freiheitlichen Grundordnung des Westens. Mit all ihren Chancen sowie ihren Risiken und Zumutungen. Die Freiheit, die gestern in den offiziellen Reden zum Einheitstag mit Recht so oft beschworen worden ist, bringt eben immer auch Verantwortung mit sich. Für mich, für andere.

Bald 27 Jahre nach dem Fall der Mauer zeigt sich nun, dass dies manchem nicht zuletzt in Sachsen noch immer und offenbar ganz grundsätzlich nicht passt. Dresden liegt auch in dieser Hinsicht dichter an Prag als an Berlin. Und deshalb sind hier kleinbürgerliche Protest-Peinlichkeiten möglich, wie sie im Westen seit Beginn der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts nahezu ausgestorben sind, als Bundeskanzler Willy Brandt manchen wirren Demonstranten zufolge noch „an die Wand“ sollte.

Es ist ebenso rührend wie entlarvend, wenn etwa die sächsische Staatskanzlei ihre Bevölkerung angesichts dieser Lage gestern im Eltern-Kind-Modus bittet, den Spitzen der Republik doch „respektvoll“ zu begegnen und „friedlich“ zu sein. Ja, was denn sonst? Muss man das am Nationalfeiertag, der überall sonst mit einem entspannten Fest begangen wird, gesondert ansagen? Sachsen, wir haben ein Problem.     

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