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Facebook und die Schwarmdoofheit

Kommentar zu "Postfaktisch" Facebook und die Schwarmdoofheit

Schneller denn je können Interessierte mit "Fake News" Gerüchte in Herzen und Hirne pflanzen und Verunsicherung stiften. In freien Gesellschaften jedoch bleibt die Politik, allen sogenannten postfaktischen Parolen zum Trotz, einem Faktencheck unterworfen.

Das postfaktische Zeitalter hat begonnen. Dieser zur Mode gewordene Satz gehört mal auf den Prüfstand: Ist die Behauptung des Postfaktischen nicht am Ende auch unwahr?

In Wahrheit liegt es heute wie zu allen Zeiten an den Menschen, wie sie mit Fakten umgehen. „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen“, lehrte der griechische Philosoph Epiktet schon vor 2000 Jahren, „sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben.“ Richtig ist: Manchem ist die Welt heute zu kompliziert geworden. So wächst, wie es der Schriftsteller Axel Hacke formuliert, „das Verlangen nach dem Anführer, seinem Ich-mach-das-schon-für-euch“. Hacke fügt hinzu: „Ob er lügt? Man fragt gar nicht erst. Das Bedürfnis nach Ruhe, nach weniger Angst ist wichtiger.“

In den Achtziger- und Neunzigerjahren dachten strategische Vordenker im Westen, die wachsende weltweite Kommunikation von allen mit allen werde die Diktaturen zerfallen lassen. Inzwischen aber scheint die Digitalisierung an der Demokratie zu nagen – während sich die Diktaturen effektiv abschotten. Allzu vielen Menschen in den freien Gesellschaften genügt es, sich wohlig einzuspinnen in einen digitalen Kokon von Gleichgesinnten. Allzu viele erlauben sich auch, was Politologen „Bequemlichkeitsverblödung“ nennen: Sie lassen sich gähnend zurücksinken in einen ebenso angenehmen wie unaufgeklärten Zustand, den unwillkommene Wahrheiten nicht mehr kaputt machen sollen.

Schwarmintelligenz, Schwarmdoofheit: Beides ist möglich, beides bringt Facebook Geld. Schneller denn je können jetzt Interessierte Gerüchte in Herzen und Hirne pflanzen und Verunsicherung stiften. Gefälschte Nachrichten, „fake news“, können im Extremfall sogar Menschenleben gefährden. In Washington feuerte am vorigen Wochenende ein Mann Schüsse in einer Pizzeria ab, weil er die gefälschte Nachricht geglaubt hatte, dort betrieben Hillary Clinton und ihre Helfer einen Kinderpornoring.

Die Demokratien sind gewarnt, sie müssen zurück zum Faktischen. Alles muss auf den Tisch. Dazu gehört, dass Medien in Deutschland es klar aussprechen, wenn Asylbewerber ein Verbrechen begangen haben. Dazu gehört auch, dass Facebook der Frage nachgeht, wer die Urheber von Falschmeldungen sind, mit denen Hillary Clinton eines Verbrechens bezichtigt wurde. Führt die Spur ins Lager Donald Trumps? Man will es wissen, die Wahrheit bleibt interessant. Und es gibt auch immer noch glaubwürdige Journalisten, die ihr systematisch nachspüren. Die „New York Times“ übrigens gewann in diesem Quartal interessanterweise rund 100 000 neue Digital-Abonnenten. In freien Gesellschaften bleibt die Politik, allen postfaktischen Parolen zum Trotz, einem Faktencheck unterworfen.

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