Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Jetzt mal im Ernst

Treffen von türkischem und russischem Präsidenten Jetzt mal im Ernst

Der türkische Präsident Erdogan und sein russischer Amtskollege Putin sind im Skurrilitätenkabinett des Weltgeschehens festgelegt auf die Rollen der bösen Buben mit Zügen von Größenwahn. Doch die Annäherung von Ankara und Moskau taugt nicht für Witze. Ein Kommentar von Marina Kombarki.

"Treffen sich zwei Autokraten in St. Petersburg" – dieser Satz fiel zuletzt oft. Die Zusammenkunft des türkischen und des russischen Präsidenten scheint manchem Beobachter und Netzkommentator bloß ein bizarrer Witz zu sein. Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin sind im Skurrilitätenkabinett des Weltgeschehens festgelegt auf die Rollen der bösen Buben mit Zügen von Größenwahn. Doch weder Hohn noch Dramatisierung eignen sich, um die Bedeutung der Wiederannäherung zwischen Ankara und Moskau zu erfassen. Überhaupt helfen Hohn und Dramatisierung bei der Beurteilung des deutsch-türkischen oder auch deutsch-russischen Verhältnisses nicht weiter. Es sind ernste Zeiten. Am besten, man begegnet ihnen mit Ernsthaftigkeit.

Aus dem demonstrativen Schulterschluss der beiden Männer, die einander noch bis vor Kurzem mit Kritik und Sanktionen überzogen, lässt sich gewiss eine an Europa und – mehr noch – an die USA adressierte Provokation herauslesen. Erdogan und Putin eint das Gefühl, vom Westen nicht mit gebührendem Respekt behandelt zu werden. Ihr verletzter Stolz ist allerdings nicht der einzige, nicht einmal der wichtigste Grund für die Versöhnung. Wer das Treffen der beiden einzig als provokante Inszenierung für den Westen deutet, erliegt dem Egozentrismus und verkennt die Vielzahl und Komplexität all der Probleme, deren Lösung ohne Russland und die Türkei nicht zu haben ist.

Es gibt gute Gründe für ein harmonisches Verhältnis zwischen Russland und der Türkei, auch aus europäischer Perspektive. Kurz nach dem Abschuss des russischen Kampfjets im vergangenen Jahr wurde in Washington und den europäischen Hauptstädten eifrig debattiert, ob eine Eskalation zwischen Russland und dem Nato-Partner Türkei den Nato-Bündnisfall auslösen könnte. All jene, die damals hitzig ihre Angst vor einem Krieg artikulierten, müssten doch über den Handschlag von St. Petersburg erfreut sein. Stattdessen aber geht jetzt die Angst vor einem „Pakt gegen den Westen“ um. Ein solcher wurde gestern nicht besiegelt. Putin und Erdogan sprachen über Geschäftliches. Über türkisches Obst und russische Touristen, über russisches Gas und türkische Banken. Vor allem aber dürfte es um Syrien gegangen sein.

Der Krieg dort ist auch ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland, das am Gewaltherrscher Assad festhält, und der Türkei, die Assad loswerden will. Erdogan ist das Erstarken der syrischen Regierungsarmee nicht entgangen. Ebenso wenig wie zunehmende Unterstützung kurdischer Truppen durch Russen und Amerikaner. Letztlich war es die Sorge vor der Entstehung eines unabhängigen Kurdistans, die ihn nach St. Petersburg führte. Im Interesse der darbenden Menschen in Aleppo und andernorts muss auch der Westen auf eine rasche Verständigung zwischen Erdogan und Putin in der Syrien-Frage hoffen. Um des Friedens willen.

Von Marina Kombarki

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung