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Auch Straßenkunst braucht Regeln - nur nicht zu viele

Unterm Strich Auch Straßenkunst braucht Regeln - nur nicht zu viele

In Hannover will die Stadt strengere Vorschriften für Straßenmusik erlassen. Damit sollte man es allerdings nicht übertreiben. Für bestimmte Bereiche braucht es tatsächlich Regeln, für andere nicht, meint Conrad von Meding.

Hannover. Vorgaben für Straßenmusik? Man denke das derzeit diskutierte Szenario mal spaßeshalber konsequent zu Ende. Wir könnten demnächst feste, durchnummerierte und markierte Stellplätze für Straßenmusiker in der Stadt haben. Die Grünen fordern dann eine Quotierung nach Geschmacksrichtung („Klassik, Pop, undefinierbar“), die Gleichstellungsbeauftragten eine weitere Quote („Frauen, Männer, undefinierbar“), und die SPD fordert den Mindestlohn: Wer nicht 8,50 Euro pro Stunde erfiedelt, erhält eine Aufstockung aus der Stadtkasse. Schöne neue Künstlerwelt.

Marketingchef Hans Nolte hat in dieser Woche sogar eine Aufnahmeprüfung für Straßenmusiker gefordert, eine Art Künstlercontest. Mit einem Problem: Eine Aufnahmeprüfung wird exakt den gegenteiligen Effekt von dem haben, was wir Innenstadtbesucher an Straßenmusik schätzen. Garantiert bestehen würden die Prüfung die Protagonisten von südamerikanischem Panflötenpop und ostrumänischer Geigenmusik, denn beide Genres werden von technisch brillant ausgebildeten Musikern dominiert. Ob aber die Schiller-Schülerin mit der Geige oder der brotlose Barde mit sechsseitiger Klampfe und Herzschmerzstimme vor der Jury bestehen wird? Man darf zweifeln. Und ist das Ergebnis dann das, was wir wollen? Oder gehören nicht gerade Vielfalt und Spontanität zum Wesen der Straßenkunst?

Zwei Dinge sind es vor allem, die sich in der aktuellen Straßenmusik-Debatte schwer in Einklang bringen lassen. Erstens: Kunst und Bürokratie vertragen sich einfach nicht miteinander. Wer eine lebendige, fröhliche, vielstimmige Straßenmusik in Hannover haben will, der muss Bürokratie auf ein Minimum herunterfahren. Zweitens: Es geht bei Straßenmusik gar nicht unbedingt um Kunst, sondern vielfach auch um Kommerz.

Straßenkunst ist in Wahrheit sogar eine der härtesten Ökonomien, die es gibt. Mindestlohnbestimmungen finden hier keine Anwendung - und das auf offener Straße, unter den Augen der Öffentlichkeit. Wer nicht gut ist (musikalisch, durch das Erzeugen von Mitleidseffekt oder wie auch immer), der wird nichts verdienen. Es gibt kein Netz und keinen doppelten Boden. Bekannt ist aber: Die, die sich Straßenmusik zum Beruf gemacht haben, verdienen meist sehr gut daran. Und natürlich sollten sie nicht völlig regellos agieren dürfen.

Es ist also gut, dass die Stadt ihre Bestimmungen jetzt konkreter fasst. Es muss Abstandsgrenzen geben, damit der Lautere nicht den Leiseren verdrängt. Es muss Vorgaben zu Fragen der elektrischen Verstärkung, des Standortwechsels, des kommerziellen Beiprogramms geben (CD-Verkauf und so weiter). Das gilt übrigens exakt genauso für Pflasterkreidezeichner, Porträtmaler - und ja: auch für Würstchen- und Ballonverkäufer. Sie alle nutzen unsere Innenstadtfläche, die einerseits mit öffentlichem Geld hergestellt ist, für deren Instandhaltung, Modernisierung und Reinigung aber auch die Inhaber der Innenstadtgeschäfte mit stolzen Summen zur Kasse gebeten werden. Auch für kommerzielle Anbieter von Straßenmusik darf und sollte es daher Vorschriften und Gebühren geben.

Zugleich brauchen wir aber eine Hobby-Regelung. Wer zweimal im Jahr in der Innenstadt etwas musizieren will und nachweist, dass er nicht davon lebt (Schüler, Rentner, Berufstätige), der muss einen Freifahrtschein für zwei bis drei Stunden bekommen. Übrigens am besten in der Touristeninformation am Bahnhof und im Rathaus, damit die Erlaubnis auch spontan am Sonnabend erteilt werden kann. Mit solch einem zweigeteilten Modell würde Hannover einen kreativen Beitrag als „Unesco City of Music“ leisten.

Juristen werden sagen, dass so etwas schwierig ist. Schwierig vielleicht, aber sicher nicht unmöglich. Die Lösung des Problems würde jedenfalls zu einer lebendigen Innenstadt beitragen.

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